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Dramatikerpreis für Jelinek

Von der Akrobatik des Verdrängens

03.06.2009 - aktualisiert: 03.06.2009 17:40 Uhr

Das Publikum in Mülheim favorisiert René Pollesch
 

Mülheim - Immer mehr jüngere Zuschauer interessieren sich für die Mülheimer Dramatikertage. Allerdings war unter den 130 Uraufführungen kein Stück eines Nachwuchsdramatikers dabei. Die Jury hat den mit 15 000 Euro dotierten Dramatikerpreis an die österreichische Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek verliehen.

So stammten die nominierten sieben Stücke einmal mehr überwiegend aus der Feder von Mülheimer Stammgästen wie Roland Schimmelpfennig, René Pollesch oder Elfriede Jelinek. Die glänzenden Uraufführungsinszenierungen der Texte dieser drei Autoren zu erleben lohnte dann trotz des Unbehagens über die Stückauswahl doch den Besuch in der Stadt an der Ruhr.

Die in Mülheim vorgestellten Bühnentexte beschreiben überwiegend den Stillstand einer alternativlosen Gesellschaft, die ins Private abgetaucht ist und dort nach Möglichkeiten der Selbstbestimmung sucht.

Roland Schimmelpfennigs Personal etwa ist in "Hier und Jetzt" bei einer Kleinbürgerhochzeit zu erleben. Aus dem raffiniert durchkomponierten Stück machen Regisseur Jürgen Gosch und sein hervorragendes Darstellerensemble, darunter Corinna Harfouch und Gottfried Breitfuss vom Schauspielhaus Zürich, einen großartigen Theaterabend.

Gut gefallen kann auch René Polleschs "Fantasma", ein wie alle seine Stücke von ihm selbst inszeniertes philosophisches Experiment über das Aufeinanderprallen von Liebe und Politik. Die Aufführung vom Burgtheater Wien begeistert vor allem, weil die Schauspieler Sophie Rois und Martin Wuttke Polleschs aberwitziges Theoriegebirge in brillanten Slapstick verwandeln.

Den mit Abstand eindrucksvollsten Beitrag zum diesjährigen "Stücke"-Wettbewerb aber lieferte, wie so oft in den vergangenen Jahren, Elfriede Jelinek mit ihrem Stück "Rechnitz (Der Würgeengel)". Ein hochartifizielles Sprachkunstwerk über das bis heute verdrängte Massaker an 180 jüdischen Zwangsarbeitern im österreichischen Burgenland kurz vor Kriegsende. Der Schweizer Regisseur Jossi Wieler destilliert mit seinen fünf fulminanten Schauspielern - darunter das ehemalige Stuttgarter Ensemblemitglied Katja Bürkle - von den Münchner Kammerspielen das launige Partygeplapper einer Bussigesellschaft von heute. Ihre verbalen Verleugnungsorgien lassen einem den Atem stocken.

Zu Recht waren sich vier der fünf Juroren einig, den mit 15000 Euro dotierten Mülheimer Dramatikerpreis an Elfriede Jelinek zu vergeben. Mit "Rechnitz (Der Würgeengel)" sei der Nobelpreisträgerin ein "grandioses Stück von großer Reflektionstiefe und hoher Musikalität über die Akrobatik des Verdrängens" gelungen. Den Publikumspreis erhielt René Pollesch für "Fantasma".
 

Horst Lohr