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Trend zum Riesenschnitzel

Monster in der Pfanne

Uwe Bofinger paniert in der Post in Stuttgart-Rot Riesenschnitzel
Foto: Eppler

Stuttgart - XXL, Monster, Riesen: Mit diesen Zusätzen wird der Begriff Schnitzel auf den Speisekarten immer öfter dekoriert. Doch wer in der Branche etwas auf sich hält, gibt sich nicht mit reiner Größe zufrieden - und betrachtet so manch fetttriefenden Versuch mit Argwohn.

Vorbereitung muss sein. Wer im Selbsttest bis an die Grenzen gehen will, muss seinen Hosenknopf unter Kontrolle haben. Ein kritischer Blick, ein kurzes Zerren, der Faden hält. Perfekt. Es kann losgehen. Auf ins Schnitzelhaus Post in Rot. Das wirbt ganz unbescheiden damit, "die größten und besten Schnitzel Stuttgarts" zu servieren.

Die Gaststube erinnert auf den ersten Blick eher an eine Eckkneipe. Rustikal geht's zu, Hexenpuppen hängen an der Decke, über der Damen-Toilette thront ein Wildsau-Kopf. Waidmannsheil. Viel Glück bei der Jagd braucht offensichtlich auch, wer ohne Reservierung kommt. Schilder auf allen Tischen.

Als die Teller aus der Küche kommen, ist auf einen Schlag klar, warum: Das Cordon bleu ist geschätzte sieben Zentimeter dick, im Nachbarteller schwimmen vier Rahmschnitzel in etwa einem halben Liter Soße. Spätzle in rauen Mengen bilden die Sättigungsbeilage, und der Salat vorneweg geht schon allein als komplette Mahlzeit durch.

"Wir machen seit 14 Jahren Riesenschnitzel", sagt Wirt Hans Peter Hoff, "wir haben schon damit angefangen, als daran sonst noch keiner gedacht hat." Vom ersten Tag an laufe das Geschäft. "Wir sind stolz darauf, dass wir so klein sind, so haben wir fast Besencharakter", sagt Hoff lachend.

1,2 Kilo schweres Monsterschnitzel

Doch mit Gemütlichkeit und riesigen Portionen allein sei es nicht getan: "Wir machen natürlich keine Friteusen-, sondern Pfannenschnitzel." Qualität zähle ebenso wie Größe. "Wenn ich manchmal im Fernsehen sehe, was da so als Monsterschnitzel fabriziert wird, kann ich bloß noch den Kopf schütteln", sagt Hoff.

Allein ist er mit seiner Geschäftsidee längst nicht mehr. Zu günstigen Preisen mehr Fleisch, als ein normaler Mensch essen kann, ist zur Modeerscheinung geworden. Auch das traditionsreiche Ausflugslokal Onkel Otto auf der Wangener Höhe setzt auf das Konzept. Das läuft so gut, dass die Betreiber mittlerweile noch zwei Filialen im Süden und in Ditzingen eröffnet haben. Wer es dort schafft, das mit Beilagen 1,2 Kilo schwere Monsterschnitzel komplett zu verspeisen, landet sogar auf einer Bestenliste.

"Das haben bisher nur drei oder vier Leute geschafft", sagt Kotlarova Labusch im Onkel Otto lachend. Der überwiegende Rest der Gäste lasse sich die Reste einpacken, lässt sie den Vorwurf, diese Art Gastronomie produziere viel Abfall, nicht gelten: "Wir müssen nicht viel wegwerfen." Ein Großteil der Gäste komme regelmäßig und bemerke selbst kleinste Schwankungen in der Schnitzelgröße.

"Wir haben auch schon diverse andere Gerichte ausprobiert, aber die Leute fragen einfach immer nach den Schnitzeln." Die kommen auch hier aus der Pfanne, weiß die Expertin: "Manche Gäste erzählen, anderswo verwende man die Friteuse. Das würde ich aber auch nicht essen."

Das Publikum ist in beiden Schnitzelhäusern bunt gemischt. Vom Rentner, der etwas für sein Geld auf dem Teller sehen will, über Familien bis hin zu Jugendlichen, die sich aus der Fressorgie einen Sport machen, ist alles dabei. Wirklich appetitlich sieht das freilich nicht immer aus. Und am Ende bleibt manchmal doch die Frage, warum ein an sich gutes Schnitzel unbedingt monsterhafte Ausmaße braucht.

Dieses Problem taucht nach Rahmschnitzel Nummer drei auch im Schnitzelhaus Post auf. Während die Tischnachbarin nach einem Drittel ihres Cordon bleus bereits aufgegeben und ohne Nachfrage Alufolie an den Tisch geliefert bekommen hat, gibt sich ein vor kurzem noch sehr hungriger Mann nur ungern eine Blöße. Schnitzel Nummer vier besorgt den Rest. Nur schnell raus - den Hosenknopf öffnen.
 

Jürgen Bock

10.06.2009 - aktualisiert: 09.06.2009 17:13 Uhr

 



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