Drucken

Tangermünde

Kaiser Karls späte Liebe

09.06.2009 - aktualisiert: 16.06.2009 17:12 Uhr

Kaiser Karls späte Liebe
Schmuckstück der Altstadt: Das Rathaus mit seinem Schaugiebel aus dem Jahre 1430. Auf dem Dach nisten Störche.
Foto: Steidel
Als der junge Theodor Fontane 1844 mit dem Schiff auf der Elbe von Magdeburg nach Hamburg fuhr, da schrieb er in sein Tagebuch: "Langweilig, nur bei Tangermünde belebt sich das Bild etwas." Offenbar hat sich der Schriftsteller noch nicht für die ausgedehnten Elbauen und die Natur begeistern können, wohl aber für eine mittelalterliche Stadt, die sich mit ihrem roten Backsteinensemble wie auf einer Freilichtbühne über der Elbe erhebt.

Damals wie heute sind die Flusskreuzfahrer von ihr fasziniert, sehen ein mächtiges Mauerwerk mit Zinnen und Treppengiebeln dahinter, den Wall einer kaiserlichen Burganlage, über der ein Bergfried mit pittoresker Dachhaube thront. Sechs Storchenpaare nisten hier regelmäßig, picken Frösche und Würmer aus den feuchten Wiesen auf der anderen Seite des Flüsschens Tanger, das in spitzem Winkel in die Elbe mündet.

Daher also Tanger-Münde. Die meisten außerhalb der Region haben wenig bis gar nichts gehört von der 10.000-Einwohner-Stadt in der sachsen-anhaltinischen Altmark. Erzählen sich staunend beim Abendessen auf dem Schiff, was sie beim Rundgang durch die Gassen erlebt haben und dass sie wiederkommen wollen. Um Zeit mitzubringen, für eine eingehendere Besichtigung.

Auch Theodor Fontane kam wieder. Im Juli 1878 blieb er zwei Tage zu Recherchezwecken in der Stadt. Was er sah, unterschied sich kaum von dem, was heutige Besucher erleben: eine 900 Meter lange Kopfsteinpflaster-Hauptstraße zwischen den roten Türmen einer fast vollständig erhaltenen Stadtmauer, bunt verzierte Holzportale an den Fachwerkhäusern der Seitengassen, die Ruine einer Kaiserburg über der Elbe, die die Fantasie beflügelt.

Fontanes Fantasie hatte eine gewisse Grete Minde angeregt, eine junge Frau aus Tangermünde, die, um ihr Erbe geprellt, die Stadt anzündete. 1617 brannte sie in weiten Teilen nieder und Grete Minde zwei Jahre später jämmerlich auf dem Scheiterhaufen. Fontane kümmerte das nicht. Er ließ seine Grete Minde den Freitod wählen und im einstürzenden Dachstuhl der Kirche sterben. Auch als sich vier Jahre nach der Veröffentlichung herausstellte, dass Grete Minde überhaupt keine Brandstifterin war, sondern Opfer eines Justizirrtums, focht ihn das nicht an: "Das bloß Aktenmäßige ist immer langweilig", schrieb er an einen Freund und verschonte kommende Auflagen mit allzu viel Realität.

Überall in Tangermünde stößt der Besucher auf die Spuren von Grete Minde. Im Stadtmuseum ist ihr ein Kapitel gewidmet, vor dem Rathaus haben sie erst kürzlich ein Denkmal aufgestellt, in den Buchhandlungen finden sich unzählige Bücher zum Thema. Am schlechtesten verkaufen sich die mit der Wahrheit und am besten die mit der erfundenen Handlung Theodor Fontanes.
 

1 | 2 | 3 weiter