Schwieberdingen/Esslingen - An der Hermann-Butzer-Hauptschule in Schwieberdingen (Kreis Ludiwgsburg) werden von Herbst an alle Fünftklässler in den Sachfächern auf Englisch unterrichtet. Ein ähnliches Konzept bietet landesweit nur die Esslinger Burgschule an. Auf diese Weise sollen die Hauptschüler bei Bewerbungen um eine Lehrstelle glänzen.
Ilse Riedl hat genug davon, dass Hauptschülern wenig zugetraut wird. Die Rektorin der Hermann-Butzer-Hauptschule in Schwieberdingen ist von ihren Schülern überzeugt - und erst recht von ihren Fähigkeiten in Englisch. Deshalb hat sie mit fünf Kollegen ein Konzept ausgetüftelt: Von Herbst an werden alle Fünftklässler in allen Sachfächern zweisprachig unterrichtet. Das Ziel: Die Schüler sollen am Ende das Cambridge Zertifikat erhalten - und so bei Bewerbungen punkten und aus der Masse herausstechen. Das ist Riedl wichtig - gerade in Zeiten, in denen es laut des Berichts "Bildung in Deutschland 2008" nur 43 Prozent der Absolventen schaffen, innerhalb eines halben Jahres nach Schulende einen Ausbildungsplatz zu bekommen.
"Es ist selbstverständlich, dass man eine Fremdsprache möglichst fließend spricht, egal, in welchem Beruf", sagt Riedl. Viele Realschulen und Gymnasien unterrichten bereits bilingual. Mit der Burgschule in Esslingen bietet landesweit aber nur eine Hauptschule diese Unterrichtsform an. Das Prinzip in Schwieberdingen ist einfach, obgleich es die Schüler herausfordern wird, glaubt Riedl und erklärt: "Wir arbeiten nach einem Baukastensystem. Jede Klasse behandelt nacheinander in den Sachfächern ein Thema auf Englisch." Das bloße Übersetzen der Inhalte genügt dabei nicht. "Wir müssen viel mehr Anschauungsmaterial wie Bilder einsetzen." So können die Lehrer vor allem Fachbegriffe besser vermitteln.
Dass ihr Plan scheitert, befürchtet Riedl nicht. Ihr Team besteht aus Lehrern, die Englisch studiert haben. Der Forschungsverbund Hauptschulen und bilingualer Unterricht der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg begleitet und bewertet das Vorhaben. Ilse Riedl hat das Konzept jahrelang mit der jetzigen Abschlussklasse erprobt. Das Ergebnis begeistert sie. "Die sind supergut in Englisch."
Pädagogische Assistenten werden sprachlich unbegabten Fünft- und Sechsklässlern helfen. "Hakt es in einem Fach, bearbeiten sie die Themen außerhalb des Unterrichts auf Deutsch nach", sagt Riedl. Da sie nur ein Thema auf Englisch behandeln und nur Fachwissen benotet werde, bestehe keine Gefahr, dass jemand in einem Fach versagt.
Was für die Schwieberdinger Neuland ist, ist für die Acht- bis Zehntklässler der Burgschule Esslingen Alltag: Seit acht Jahren unterrichten vier Lehrer der Hauptschule Erdkunde auf Englisch. In Klasse zehn ist die Teilnahme Pflicht. Klaus Hummel sieht in Sprachen den Schlüssel zu allen anderen Bereichen. "Man versteht Texte besser. Wer eine Sprache erwirbt, baut auch Strukturen für andere Sprachen auf." Der Rektor ist überzeugt, dass das Engagement und die Motivation den Schülern bei der Lehrstellensuche zugute kommt.
Obwohl der Sprachunterricht den Schülern zwei Stunden pro Woche mehr beschert, nehmen fast alle Acht- bis Zehntklässler daran teil. Wolfgang von Stryk zögerte lange, bevor er damals seine Idee publik machte. Er fürchtete, dass sie scheitert und auf Desinteresse stößt. "Ich hatte Angst, die Schüler zu überfordern." Der Lehrer hat sich geirrt. Einige Schüler haben im englischen Erdkundeunterricht sogar bessere Noten als im Fach Englisch selbst. Das,, sagt der Lehrer, liege an dem spielerischen Umgang und an dem optischen Material.
Mehr als ein Jahr vor dem Start hat sich von Stryk Themen überlegt, die im gängigen Geografieunterricht nicht oder wenig behandelt werden: Vulkanausbrüche, Hurrikans oder Erdbeben. Allesamt Themen, die sich gut bebildern lassen und Mädchen wie Jungen interessieren. Das ist auch der Grund, weshalb die Wahl auf Erdkunde fiel.
Arlinda Nrecaj (16) kann das nur bestätigen. "Mit Bildern merke ich mir alles viel leichter", sagt die Werkrealschülerin. "Der Unterricht macht total Spaß. Man verbessert sich in Erdkunde und Englisch. Ich lerne Vokabeln, die ich sonst nicht lerne." Mittlerweile diskutiert Arlinda spontan auf Englisch. Sie liebt die Sprache - so sehr, dass sie für die Abschlussprüfung mit einer 1,4 angemeldet wurde. Eine solche Note stand nicht immer in ihrem Zeugnis. In der fünften Klasse hatte sie eine Fünf. Es war undenkbar, sich mit ihren Verwandten in Amerika zu unterhalten. Heute hat Arlinda dafür nur noch ein müdes Lächeln übrig.
Stefanie Köhler