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... warum wir Stuttgart lieben (19)

Stuttgarts Internationalität

29.06.2009 - aktualisiert: 30.06.2009 14:19 Uhr

Flaggen
Foto: Piechowski

Die Stadt schickt keinen weg
 

Für was Stuttgart nicht schon alles hat herhalten müssen. Kinderfreundlichste Stadt der Republik. Stadt der kurzen (Fahrrad-)Wege. Großstadt zwischen Weinen und Strebern, äh Wein und Reben: Unseren Stadtmarketingfuzzys ist kein Claim zu platt, kein Slogan zu flach.

Dabei ist Stuttgart vor allem eins: international. Über 170 Nationen leben hier, ohne sich die Köpfe einzuschlagen. Die Stadt ist so generös, dass sie sogar einen Ausländer wie mich (mit wenigen fußballbedingten Ausnahmen) duldet bis toleriert - trotz meiner badischen Herkunft.

Als ich mit meinem badischen Migrationshintergrund in der Stadt noch fremdelte, waren es andere Migranten, die mir ein Gefühl von Heimat gaben. Mein Freund Erdal zeigte mir, wie man mit schwäbischer Gründlichkeit türkische Pasta mit Hackfleisch stopft, dazu eine Minz-Joghurt-Sauce zaubert und so den eigenen Spätzle-Horizont erweitert.

Der Stuttgarter Künstler Fetsum servierte mir mit seinen eritreisch-italienischen Wurzeln Stuttgarter Bier in einer ausgezeichneten Schankwirtschaft in der Nadlerstraße, die nach weiter Welt im schwäbischen Kessel schmeckte. So schnell kann Heimat in Stuttgart gehen.

Das emotionale Zentrum internationaler Gastfreundschaft der hiesigen Ausprägung befindet sich aber im Heusteigviertel. Hier betreibt Rosa Gonzalez gemeinsam mit ihren Töchtern das spanische Spezialitätengeschäft Casa Granada. Der Laden ist familiär, übersichtlich und mitunter rührend - wie Stuttgart selbst.

Einkaufen in der Casa ist wie Kurzurlaub in Spanien: Zur Dorade bekommt man immer frische Petersilie geschenkt, der Serrano-Schinken ist hauchdünn, zart und schmeichelt genau so wie der Manchego jedem deutschen Gaumen.

Mit Rosa kann man sich im Winter prima über Rosenkohl-Rezepte unterhalten, im Sommer rettet sie den Abend mit einem Vinho Verde aus Portugal. Ihre Ladenwelt ist zugleich Schmelztiegel der Nationen: Der schwäbische Opa kauft hier sein Mineralwasser - Wasser aus der Leitung ist in der Stadt ja bald nicht mehr zu bezahlen. Die Italiener im Viertel decken sich mit Ciabatta ein. Und für alle hat Rosa immer ein offenes Ohr, ihr schwäbisch-spanischer Singsang ist eine Heimatmelodie mit ganz besonderem Klang. So funktioniert wechselseitige Integration an der Käse- und der Fisch-Theke.

Die Türkei, Italien, Spanien, Eritrea und sogar Baden: Die Stadt hat ein großes Herz und schickt keinen weg. Stuttgart ist wie die Casa Granada - mediterraner Kurzurlaub und Heimatgefühl zugleich.


Der Autor ist Chefredakteur beim Stadtmagazin LIFT und steht auf die Stadt der vereinten Nationen: Stuttgart
 

Ingmar Volkmann