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Eine Stadt in Angst

Religionspolizisten wüten in Teheran

30.06.2009 - aktualisiert: 30.06.2009 19:03 Uhr

Nach den Wahlen im Iran
Proteste nach den Wahlen im Iran
Foto: dpa
Stuttgart - „Die Mullahs kenne ich seit meiner Kindheit, aber noch nie waren sie so gefährlich wie heute. Die sind zu allem fähig.“ Voller Angst und Sorge ist der Geschäftsmann Jamschid B. soeben aus dem Iran zurückgekehrt. Nach der Präsidentenwahl am 12. Juni, bei der laut offizieller Darstellung der Hardliner Mahmud Ahmadinedschad im Amt bestätigt wurde, waren in Teheran schwere Unruhen ausgebrochen.

Weil ein Teil seiner Familie, unter anderen seine 88 Jahre alte Mutter, im Iran lebt und er dort immer wieder geschäftliche Verpflichtungen hat, wollte der 60-jährige Jamschid B. im Gespräch mit unserer Zeitung seinen vollen Namen und seinen Wohnort nicht nennen. Aber seine Befürchtungen äußert er klipp und klar: „Die Brutalität des Regimes wird noch zunehmen.“

Jamschid B. ist ein Wanderer zwischen zwei Welten - er pendelt zwischen dem Iran, seinem Geburtsland, und Deutschland, seiner heutigen Heimat, ständig hin und her. Als kleines Kind hat er die politischen Verwerfungen im Iran mitbekommen: Den Aufstieg des Schahs und den vom CIA initiierten Sturz des Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh im Jahr 1953. Bewusst miterlebt hat Jamschid B. dann 1979 die islamische Revolution und die Machtübernahme durch die Ayatollahs. Als zu Beginn der achtziger Jahre der Krieg zwischen dem Irak und Iran tobte und seine Heimatstadt Teheran bombardiert wurde, zog er mit seiner deutschen Frau und den Kindern nach Deutschland - in die Nähe von Stuttgart. In die iranischen Hauptstadt reiste Jamschid B. dennoch immer wieder, um seine Familie zu besuchen und wegen seines Geschäfts - dem Im- und Export von Industriegütern.

Geschäftliche Verpflichtungen führten den Ingenieur vor kurzem wieder in den Iran. Er traf gerade am Tag der Wahl in Teheran ein und informierte sich am Abend über die Auszählung. "Nach zwei Stunden kamen im Fernsehen bereits die großen Zahlen für Ahmadinedschad", erinnert sich Jamschid B. Verwundert hätten er und seine Familie zur Kenntnis genommen, dass sich am Ergebnis auch in den Stunden danach nichts änderte. Bei früheren Wahlen sei der Ausgang erst nach drei Tagen klar gewesen.

Der Geschäftsmann kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sein Heimatland plötzlich über technische Möglichkeiten verfügt, das Wahlergebnis so schnell festzustellen. Und er ist sicher, dass auch andere dem Ergebnis misstrauen: "Was da passiert ist, lassen sich meine Landsleute nicht gefallen", glaubt der Deutschiraner.

In Teheran ist Geschäftsmann Jamschid B. gewöhnlich zwischen dem Ost- und dem Westteil unterwegs. Genau auf dieser Achse tobten in den vergangenen Tagen die heftigsten Auseinandersetzungen zwischen den Demonstranten und der Staatsmacht. Vielleicht eine Million Leute seien auf der Straße gewesen. Gewaltszenen hat Jamschid B. zwar nicht erlebt, aber überall die Spuren der Kämpfe und des Protests gesehen: Qualmende Müllcontainer, ausgebrannte Luxusgeschäfte, verwüstete Bankgebäude. Soweit es ging, ließ sich der Handelsreisende mit dem Taxi chauffieren, aber viele Wege ließen sich wegen der militärischen Sperren nur zu Fuß bewältigen.

Die Fernsehbilder von prügelnden Religionspolizisten, den so genannten Bassidsch-Milizionären, bezeichnet Jamschid B. als echt. Aber auch von dem, was die Welt in den vergangenen Wochen nicht sah, kann er berichten. Die Bassidsch-Brigaden seien in Teherans Stadtbild allgegenwärtig gewesen, selbst wenn es keine Demonstrationen gegeben habe. Bewaffnet mit Knüppeln und Ketten seien sie mit ihren Motorrädern in jedem Viertel aufgetaucht. Und sie hätten willkürlich Passanten und Autofahrer kontrolliert. "Wir hatten auch das Vergnügen mit diesen Halbstarken", berichtet Jamschid B. sarkastisch. "Besonders die Fotos auf den Mobiltelefone hat die Kerle interessiert." Dass die Bassidsch-Miliz überall in der Stadt präsent sei, ist für Jamschid B. nicht überraschend. Jede Moschee halte sich solche Religionspolizisten. Die geistliche Führung schicke diese Truppe schon bei den geringsten Anzeichen für Unruhe los.

Zu den schlimmsten Erlebnissen gehören für Jamschid B. die nächtlichen Begegnungen mit den Islamwächtern. In der Dunkelheit seien in allen Stadtteilen mehrere Millionen Menschen auf die Dächer geklettert, um Allah Akbar - Gott ist groß - zu rufen.

"Sogar meine 88 Jahre alte Mutter wollte mit aufs Dach", berichtet Jamschid B. Während oben die Bewohner Teherans ihre Unzufriedenheit mit dem politischen System zum Ausdruck brachten, hätten die Religionspolizisten die Menschen vor den Häusern mit Beleidigungen überzogen. Für viele Iraner seien die Beschimpfungen wie Hurensohn oder andere Wörter dieser Kategorie schlimmer als Schläge, sagt Jamschid B. Abends und nachts habe sich die Bevölkerung zuletzt nicht mehr nach draußen gewagt, das Leben in der sonst so quirrligen Stadt mit zwölf Millionen Einwohnern sei praktisch zum Erliegen gekommen. Üblicherweise würden die Geschäfte in Teheran gegen 22 Uhr schließen, während der Unruhen hätten die Besitzer aber bereits um 19 Uhr zugemacht. Taxis und andere öffentliche Verkehrsmittel seien am Abend auch keine mehr gefahren.

Die Rückreise nach dem fast dreiwöchigen Iran-Aufenthalt verlief für Jamschid B. allerdings völlig unproblematisch. Alles sei wie immer gewesen, niemand habe das Handy sehen wollen oder nach Kameras und Fotomaterial gefragt. "Am Flughafen ist die normale Polizei tätig und die hält sich derzeit im ganzen Land stark zurück", liefert der Deutsch-Iraner als Erklärung.

Mittlerweile scheint es das Regime geschafft zu haben, im Iran für Ruhe zu sorgen. Mit Schweigen und ohne neue Proteste nahm die Opposition am Dienstag die offizielle Bestätigung der Wiederwahl des umstrittenen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad hin. Auf den Straßen Teherans zog ein massives Aufgebot von Polizei und Sicherheitskräften auf. Über das Schicksal der in den letzten Wochen festgenommenen mehreren hundert Demonstranten gab es keine neuen Informationen.
 

Gerhard Schertler