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"Das Palmerprinzip"

Pokalfreuden oder Ein Mann sieht grün

Foto: dpa

Tübingen - Die britische Queen hat ihn längst, die Beatles und Karl Lagerfeld sowieso. Nun avanciert auch der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer in den erlauchten Kreis jener Prominenz, deren Schaffen einen eigenen Dokumentarfilm wert ist. Mit seinen erst 37 Jahren gehört der Grünen-Politiker zu den wohl jüngsten Objekten solcher Doku-Begierde. Zu verdanken hat sie Palmer seiner überraschend eindeutigen Wahl zum OB der Universitätsstadt vor gut drei Jahren, nachdem er zuvor als Kandidat in Stuttgart ebenso überraschend knapp gescheitert war.

"Das Palmerprinzip" nennt sich der 60-minütige Blick hinter die Kulissen der Lokalpolitik. Die Idee dazu hatten zwei Absolventen der Ludwigsburger Filmakademie: Frank Pfeiffer (Regie) und Alexander Funke (Produzent) bekamen finanzielle Unterstützung der Filmförderung der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg und begleiteten den frischgebackenen OB 50 Tage bei seinen ersten Schritten im Amt, blieben ihm teilweise bis zu 15 Stunden am Tag filmisch auf den Fersen.

Mit einem Pokal fängt alles an: Boris Palmer beim Stadtlauf, durchaus symbolträchtig hat sich der Macher gleich selbst den Startschuss gegeben und rennt bald allen davon. Hechelnd folgt ihm die Kamera durch die Gassen der Altstadt. Wenig später hält der OB den Pokal in der Hand, "das ist für die Teamwertung, die Stadtverwaltung hat gewonnen", amüsiert er sich vor lachendem Publikum auf dem Marktplatz. Jovial, imagebewusst und selten um einen witzigen Spruch verlegen - so kennen die Bewohner den neuen Verwaltungschef, der antrat, die Uni-Stadt zur "Klimastadt Nummer eins" zu machen. Vor den großen grünen Visionen indes gilt es allerlei Kleinkram des Alltags zu meistern - Innenansichten in die Lokalpolitik. Da beklagt sich ein Rentnertrupp in der Sprechstunde über neue Parkgebühren vor dem Freibad. "Fahren Sie doch mit dem Bus, dann tun Sie gleich noch etwas für das Klima", heißt der Rat für die verdutzten Autofahrer.

Im Gemeinderat steht die "geschlechtergerechte Sprache in der Verwaltung" auf der Tagesordnung. Für winzige Witzeleien wird der OB in der Pause von zwei engagiert emanzipierten Praktikantinnen mit harten Worten abgestraft. Ähnlich eingeschnappt wird später ein Fraktionsvorsitzender reagieren, der nach eher harmlosen Fragen sofort Intrigen wittert und wütend den Raum verlässt. Es geht auch lustig zu: Zur Einweihung von Solarzellen auf einem Schuldach etwa gilt es nach Leibeskräften "Sonnenstrom durch Sonnenschein" auf die Melodie von "Wochenend' und Sonnenschein" zu trällern, was dem Grünen Realo sichtlich Spaß zu machen scheint. Ähnlich vergnügt ordert er später seinen schadstoffarmen Dienstwagen in der Daimler-Zentrale, wo ihn der Entwicklungschef gleich höchstpersönlich empfängt. Dass der medienbewusste Grüne die Autoübergabe gerne vor laufenden Kameras absolviert, hören die Mercedes-Manager mit Freude. Bald darauf posiert Palmer auf der Automobilausstellung in Frankfurt gemeinsam mit dem obersten Auto-Lobbyisten Matthias Wissmann für die Kameras vor dem neu geleasten Smart.

Szenenwechsel ins Private: Das beste Abitur in Baden-Württemberg habe er absolviert, schon als Knirps stets neugierig durch die Plastikfenster des Kinderwagens geschaut, erzählt Mutter Erika und zeigt sichtlich stolz einen Artikel aus "Vanity Fair", der groß über den "Joschka Fischer vom Neckar" berichtet. Hinter Glas gerahmt, ein schönes Weihnachtsgeschenk für den Sohn, verrät sie. Alte Super-8-Filme aus Kindertagen flimmern durchs Bild, auch Aufnahmen von Helmut Palmer, dem streitbaren "Rebellen vom Remstal".

In den ruhigen Momenten des Films berichtet der OB vom nicht ganz leichten Verhältnis zum nicht einfachen (Über-)Vater. "Der Apfel fällt nicht weit vom Zwetschgenbaum", wird später ein älterer Teilnehmer beim Baumschnittkurs sagen und das vermutlich als Lob verstehen. Der OB sitzt derweil mit seiner Schere, schwäbisch schwadronierend und sichtlich zufrieden mit sich, in der Baumkrone. Nach einem erfolgreichen Kinoeinsatz in seiner Heimatstadt kommt das Werk nun auch in Stuttgart auf die Leinwand - eben dort also, wo Palmer bei der nächsten OB-Wahl 2012 durchaus noch einmal antreten könnte. Premiere im Delphi-Kino in der - richtig! - Tübinger Straße ist am 15. Juli.
 

Dieter Osswald

01.07.2009 - aktualisiert: 01.07.2009 12:49 Uhr

 



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