Stuttgart - Die Stadt Fellbach will den Flatrate-Betrieb im Bordell Pussy-Club untersagen. Dieses Konzept sei "unmenschlich", urteilt OB Christoph Palm. Unterstützung erhält Palm von Innenminister Heribert Rech (CDU) und von Landtagsabgeordneten der SPD und der CDU.
###
Der umstrittene Sex-Club in der Nähe des Fellbacher Bahnhofs ist am 5.Juni 2009 eröffnet worden. Für einen Pauschalbetrag von 70 oder 100 Euro können Männer beliebig oft sexuelle Praktiken aller Art verlangen. Dafür stehen alle Frauen im Club bereit. Die Werbung des Clubs suggeriert, dass es kaum Tabus geben soll. Seitdem rennen die Freier dem Club die Türen ein. "Wir beobachten einen hohen regionalen und überregionalen Zulauf", sagt Thomas Schöllhammer, Leiter der Kriminalpolizei bei der Polizeidirektion Waiblingen.
"Straftaten oder Verdacht auf Straftaten haben wir im Umfeld des Clubs bisher nicht registriert", betont Schöllhammer. Bisher seien auch keine Klagen oder Hilfeersuchen von Prostituierten bekanntgeworden. Die Kripo werde die Adresse trotzdem gut im Auge behalten, kündigt der Beamte an. Zumal es diverse Ansatzpunkte für Ermittlungen gibt. Dass die Polizei zurzeit keine Handhabe hat, ist OB Christoph Palm bewusst. Er setzt deshalb auf die politische Ebene: "Der günstige Preis legt den Verdacht nahe, dass die häufig unbedarften Frauen ausgenutzt werden", heißt es in der Anfrage, die Palm als CDU-Abgeordneter an den Stuttgarter Landtag richtet. Palm brandmarkt das Flatrate-Konzept als "eklatanter Verstoß gegen die Menschenwürde".
Bei diesem harten Urteil ist Innenminister Heribert Rech hellhörig geworden – zumal es in Heidelberg seit Ende 2008 einen weiteren Pussy-Club in Baden-Württemberg gibt. "Ich werde alles tun, um gegen dieses ausbeuterische und unmenschliche Konzept vorzugehen", kündigte Rech am Freitag gegenüber dieser Zeitung an. "Ich strebe eine Gesetzesinitiative an mit dem Ziel, diese Form der Prostitution zu verbieten." Rech will sich als Nächstes mit den Ministern für Justiz und Soziales abstimmen. Nach einer allerersten Einschätzung der Rechtsexperten aus dem Innenministerium wäre für ein Verbot entweder ein neuer Paragraf im Prostitutionsgesetz oder im Strafgesetzbuch nötig.
Die Waiblinger SPD-Landtagsabgeordnete Katrin Altpeter sicherte Palm ebenfalls Unterstützung zu. Flatrate-Bordelle seien "nichts anderes als eine moderne Form der Sklaverei", kritisiert die Sozialexpertin. Sie forderte am Freitag alle Parteien im Landtag auf, sich für das Verbot einzusetzen. Der Pussy-Club in Fellbach ist neben Heidelberg, Berlin und Wuppertal das vierte Etablissement des Unternehmens. Nach Recherchen dieser Zeitung werden für den harten Flatrate-Job gezielt Frauen aus Siedlungsgebieten der Roma in Rumänien angeworben. Nach unbestätigten Angaben erhalten die Frauen rund 2000 Euro im Monat. Die Hintermänner des Unternehmens sollen aus Bulgarien stammen. Unter rechtlichen Aspekten ist den Betreibern bisher allerdings kaum beizukommen. Das geht auch aus einem Schreiben der CDU-Fraktion im Fellbacher Gemeinderat an Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) hervor. Die Stadtverwaltung habe alle Einschränkungs- und Verbotsmöglichkeiten geprüft und sich extern juristisch beraten lassen, heißt es in dem Schreiben, das dieser Zeitung vorliegt: "Zu unserem Bedauern gibt die aktuelle Gesetzeslage wohl keine Handhabe gegenüber den Umtrieben der Bordellbetreiber." Die CDU-Fraktion fordert die Ministerin daher auf, sich für die nötige Gesetzesänderung starkzumachen. Die Betreiber des Fellbacher Pussy-Clubs waren am Freitag nicht zur Stellungsnahme gegenüber dieser Zeitung bereit.
Michael Isenberg
Lesermeinungen
01.09.2009 09:04
Autor: D.J.
Ja, die Frauen haben das gute Recht, diesen Beruf auszuüben und womöglich auch keine Alternative. Trotzdem halte ich das 'Flatrate'-Prinzip in diesem Zusammenhang für menschenunwürdig. Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in anderen Branchen werden gesetzlich gegen viel geringeren 'Unannehmlichkeiten' geschützt!
09.08.2009 23:12
Autor: Frederik Borchardt
Frau Dr. Ackermann und die anderen Moralapostel von Solwodi können mich mal. Ich habe für Galina alles getan, was ich konnte. Ihr habt mich wie den letzten Dreck behandelt!
30.07.2009 14:29
Autor: Susanne Hagemann
Angesichts der vielfach anzutreffenden Tendenz, Begriffe wie „Moral“ usw. konsequent als „Sexualmoral“ und folglich „prüde“ misszuverstehen, zudem Prostitution schlicht als promiskuitives Verhalten darzustellen und in einer Linie mit Homosexualität, Transsexualität usw. zu sehen, ist offensichtlich eine Richtigstellung nötig: Prostitution, also Freiertum/Zuhälterei hat NICHTS mit promiskuitiver Sexualität zu tun, weil auf der Seite der beteiligten Frau KEINE LUST existiert. Es handelt sich um einseitige Männerbedienung in der Tradition der Unterordnung unter Männer im Patriarchat, das leider noch nicht überwunden ist. Bei der Bekämpfung von Freiertum/Zuhälterei geht es also NICHT um Sexualmoral, sondern um den Kampf gegen eine Schlüsselinstitution des Patriarchats, ca. 5000 Jahre alt. Erst sehr viel später, im Zuge der Verfolgung jeglicher Abweichung von der kirchlich definierten Sexualmoral, wurden vor allem sich prostituierende Frauen verfolgt und die Existenz des Systems Prostitution zumeist einseitig ihnen als „laszive Verführerinnen“ zugeschrieben. Hier findet sich die einzige Gemeinsamkeit von Homo- und Transsexualität mit dem System Prostitution: Die Phase des Verfolgtwerdens. Während also völlig folgerichtig Trans- und Homosexualität inzwischen in einer fortschrittlichen Gesellschaft weitgehend anerkannt sind (trotz gewisser Mängel, u.a. die immer noch weitgehende Gleichsetzung von homosexuell mit „schwul“ und somit Ignoranz weiblicher Homosexualität, s. Mahnmal), ist es vollständig absurd, ein Gewaltsystem, in dem die Frau zum Gegenstand zum sexuellen Missbrauch durch einen Mann degradiert wird, zu verharmlosen und rhetorisch über Arbeitsmarktbegriffe an die Neuzeit zu adaptieren - ein krasser Etikettenschwindel und absolut ahistorisch.
In diesem Zusammenhang sei auch noch verwiesen auf die Schädlichkeit von pseudowissenschaftlichen Beiträgen à la Wikipedia, die den Zusammenhang mit Weltkriegen, Wirtschaftskrisen und der üblichen Zunahme von Elendsprostitution in solchen Phasen unterschlagen bei der Behauptung, letztlich hätte feministisches Eingreifen die Situation von Prostituierten in Groß Britannien verschlimmert. Und: Als ginge es bei der benannten Verschlimmerung nicht ganz konkret um MÄNNERGEWALT, begangen von Freiern und Zuhältern. Diesen grotesken Unsinn dann auch noch süffisant mit der plakativen Behauptung zu versehen, es seien „ironischerweise“ die Ehemänner und sonstigen männlichen Angehörigen der Feministinnen gewesen, die Frauen im Rahmen des Systems Prostitution missbrauchen, zeugt von einer „Geistes“-Haltung, die an der „Wissenschaftlichkeit“ des Wikipedia-Artikels zweifeln lässt.
Ermutigend finde ich, dass sich in dieser ganzen Diskussion durchaus auch Männer kritisch in Bezug auf Freiertum zu Wort melden.