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Johnny Depp mag die dreißiger Jahre

"Männer gaben sich damals Mühe"

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Éhrlich zu sich selbst: Johnny Depp
Foto: AP

Hamburg - Pünktlichkeit ist nicht Johnny Depps Stärke. Aber auf einen wie ihn wartet man gern. In "Public Enemies" von Michael Mann spielt er den legendären 30er-Jahre-Gangster John Dillinger, der als der erste Staatsfeind Nummer eins in die Kriminalgeschichte der USA einging.

Mister Depp, schön dass Sie da sind ...

Tut mir leid, dass ich zu spät komme. Bin ich überhaupt zu spät? Ich bin immer zu spät. Ich kann nichts dagegen tun.

Ist das ein Problem für Sie?

Mir gehen so langsam die Ausreden aus. Ich sollte in Behandlung gehen.

Beneiden Sie Ihre Filmfigur John Dillinger? Er konnte sich ins Kino setzen, ohne erkannt zu werden.

Natürlich gibt es gewisse Dinge des früheren Lebens, die man vermisst. Anonymität zum Beispiel. Einfach mit meinen Kindern in ein Restaurant oder nach Disneyland zu gehen, ohne von oben bis unten angestarrt zu werden, wäre großartig. Dillinger war zwar ein Bankräuber, aber er konnte sich gut anpassen, gut verstellen. Er hat sich tatsächlich mal ins Polizeihauptquartier gewagt. An den vielen Cops ging er einfach vorbei und sagte "Wie geht's?". Das war für ihn kein Problem.

Sie leben in Frankreich. Weil Sie dort nicht so oft behelligt werden?

Meine Frau und ich haben zwar ein Haus in Südfrankreich, tatsächlich aber verbringen wir die meiste Zeit in den USA, weil unsere Kinder dort zur Schule gehen. Was Frankreich mir bietet, ist der Luxus, ein einfacheres Leben zu genießen. Wir leben dort auf dem Land. Es tut gut auszubrechen, um Abstand zu bekommen. Das hat in gewisser Weise auch meine Wertschätzung für Amerika gesteigert.

Können Sie sich mit Dillingers Art von Männlichkeit identifizieren?

Sehr, aber zum Glück muss ich mein Haus nicht mit zwei 45er-Colts verlassen. Dillinger war in den dreißiger Jahren der Held des kleinen Mannes. Damals waren die Banken die Feinde, und Menschen wie J. Edgar Hoover, die schlimmer waren als jeder Kriminelle, saßen in der Regierung. Er sagte sich, ich nehme, was ich kriegen kann, und versuche, dabei niemanden zu verletzen. Dafür bewundere ich ihn.

Es gibt Schauspieler, die spielen sich selbst. Sie aber verschwinden hinter Ihren Rollen.

Meine Aufgabe ist es, eine Figur zu spielen, ihren Charakter zu finden und ihn mit meinen Möglichkeiten umzusetzen. Dabei probiere ich immer wieder etwas Neues aus, um mein Publikum nicht zu langweilen. Etwas, das ich noch nie gemacht habe, oder etwas, das die Leute noch nicht so oft gesehen haben. So definiere ich Schauspielerei.

Sie haben für "Public Enemies" auch in der Gegend gedreht, in der Sie aufgewachsen sind. Haben Sie etwas über sich und Ihre Familie gelernt?

Da es nicht viel Material über John Dillinger gibt, zumindest keine Aufnahmen von seiner Stimme, hörte ich Aufnahmen von Dillingers Vater an. Als ich seine Stimme hörte, fügten sich die Dinge zusammen, und ich dachte: Er ist als Farmerssohn in Oak Hill, Indiana, aufgewachsen. Ich wurde in Owensboro, Kentucky, geboren. Das liegt etwa 80 Meilen voneinander entfernt. Und da machte es klick. Ich hörte ihn sprechen, ich wusste, wie er sich bewegt. Er war nicht viel anders als mein Großvater, der in den dreißiger Jahren tagsüber Bus fuhr und nachts schwarzgebrannten Schnaps auslieferte.

Ihre Kollegin Marion Cotillard, die Dillingers Geliebte Billie Frechette spielt, hat gesagt, Sie seien sehr geduldig mit ihr gewesen. Wie wichtig ist die Liebesgeschichte für den Film?

Ab einem gewissen Punkt ist das, was Dillinger betreibt, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, zweitrangig. Billie wird sein Lebensmittelpunkt. Als sie sich trafen, war sofort ein Feuer zwischen den beiden, sie waren wie füreinander geschaffen. Beide wurden unfreiwillig zu Außenseitern. Marion war perfekt für die Rolle.

Marion Cotillard erzählt in Interviews immer wieder davon, wie sie bei Recherchen über Dillinger auf etwas, nun ja, Beeindruckendes gestoßen ist. Der Mann war wohl gut ausgestattet ...

Stimmt. Und ich habe festgestellt, dass wir, nun ja, die gleiche Größe haben (lacht).

Sie hatte wohl auch Bammel vor den Liebesszenen.

Deswegen?

Nein, ihr war es peinlich, vor der Kamera nackt zu posieren. Wie gehen Sie selbst mit Nacktszenen um?

Es kommt auf die Situation an. Generell ist es wichtig, dass man sich wohlfühlt. Man muss Intimzonen nicht unbedingt explizit zeigen, um den Film oder die Szene besser zu machen. Kurz gesagt: Wenn Marion sich dadurch besser gefühlt hätte, hätte ich sogar einen Skianzug oder so etwas getragen.

Damals waren Männer noch Männer. Was macht einen Mann heute aus?

Ich denke, es ist vor allem das Auftreten. Wenn man sich die Mode ansieht, trugen die Männer damals Hüte, Anzüge, Krawatten und Mäntel und gaben sich Mühe. Damals hatte man auch einen Sinn für Individualität, den wir verloren haben. Viele Menschen ziehen sich ähnlich an und reden ähnlich. Wenn man durch die Straßen fährt und Musik aus den Autos hört, dieses bum, bum - die Technologie spielt mit uns ein böses Spiel und hat uns auf einer menschlichen Ebene verändert. Es gab weniger Klatschpresse. Es gab keine Reality-Shows. Das ist der totale Voyeurismus. Es ist unglaublich, was heute im Fernsehen passiert.

Was hat Sie zum Mann gemacht?

Ich weiß nicht, ob ich ein Mann bin (lacht). Ich bin keiner, der sich auf die Schulter klopft. Mein Motto lautet: Sei ehrlich zu dir selbst und zu denen, die du liebst. Sei nett zu den Menschen und sei ein guter Vater.
 



Julia Manfredi

11.07.2009 - aktualisiert: 10.07.2009 17:02 Uhr




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