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Macht soll Wiedeking ablösen

Am eigenen Erfolg gescheitert

Foto: dpa

Stuttgart - Lange hat VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech daran gearbeitet, Porsche-Chef Wendelin Wiedeking loszuwerden. Nun scheint er sein Ziel erreicht haben. Der Ausnahmemanager Wiedeking ist an seinem eigenen Erfolg gescheitert.

Wiedeking versucht gar nicht erst, den Diplomaten zu geben. "Wir geben Ziele und Strategien klar vor. Wer da nicht mitmachen will, muss sich eben einen anderen Job suchen", sagt er gerne. Und auch seine Erfolge stellt er nicht unter den Scheffel. Gern rechnet er vor, um das Wievielhundertfache sich der Aktienkurs seit seinem Amtsantritt als Porsche-Chef entwickelt hat. Und dass er wohl der einzige Topmanager ist, der sein Privatvermögen für ein kriselndes Unternehmen "in den Wind" gehängt hat, wofür er dann auch mit dem fürstlichen Gehalt von zuletzt bis zu 100 Millionen Euro pro Jahr belohnt wird.

Wiedeking begründete bei Porsche eine Ära, wie sie in der Industriegeschichte wohl einmalig wird. 1991 heuert er bei Porsche an und wird bald Nachfolger des glücklosen Porsche-Chefs Arno Bohn, unter dem das Unternehmen an den Rand der Pleite gerät. Doch kaum übernimmt Wiedeking das Steuer, dreht sich das Unternehmen. Er erneuert die Modellpalette, setzt auf effiziente Produktionsmethoden und fährt einen rigiden Sparkurs - und macht aus dem Pleitekandidaten einen der profitabelsten Autohersteller der Welt. Er machte damit nicht nur sich selbst und viele Aktionäre reich, sondern auch die Familien Porsche und Piech, die sich die Stammaktien teilen und somit das Sagen bei Porsche haben.

Wiedeking brachte Leistung und erwartete Anerkennung


Dass er bei Piech trotzdem in Ungnade gefallen ist, liegt nicht an den unternehmerischen Leistungen Wiedekings, sondern an einem großen Missverständnis. Wiedeking brachte Leistung und erwartete Anerkennung. Piech aber spielte ein anderes Spiel. Er hat eine Vision, die über das Anhäufen von Milliarden hinausgeht. Sein Ziel ist es, die übergroßen Fußstapfen seines Großvaters, des Autopioniers Ferdinand Porsche, zu füllen und dessen Lebenswerk zu krönen, vielleicht sogar zu übertreffen. Ohne Ferdinand Porsche hätte es Porsche gar nicht und VW wohl nicht in der heutigen Größe gegeben. 1930 gründete er ein kleines Konstruktionsbüro namens Porsche, von 1934 an arbeitete er für den Reichsverband der Automobilindustrie an einem Auto, das für viele Menschen erschwinglich und zu einem "Volkswagen" werden soll. Seine Kinder Louise und Ferry setzen das Erbe fort - aber sie arbeiten auf unterschiedlichen Seiten. Die Tochter Louise konzentrierte sich auf den Autogroßhändler Porsche Holding in Salzburg; und sie heiratete den Wiener Anwalt Anton Piech, der bei Volkswagen als Werkleiter und Hauptgeschäftsführer Karriere machte. Einer ihrer Söhne ist Ferdinand Piech, der heute vehement versucht, die Macht über Porsche an sich zu reißen.

Louise Piechs Bruder Ferry Porsche dagegen entwickelt Porsche weiter und baut das kleine Konstruktionsbüro zu einem großen Autohersteller aus. Einer seiner Söhne ist Wolfgang Porsche - der ebenso vehement versucht, Piechs Vorstöße abzuwehren und die Unabhängigkeit von Porsche weit gehend zu bewahren.

Piech und Porsche: Jeder meint auf der richtigen Seite zu kämpfen


Ferdinand Piech und Wolfgang Porsche - der eine ist Aufsichtsratschef von VW und der andere von Porsche. Beide kämpfen um das Lebenswerk ihres gemeinsamen Großvaters. Jeder meint, auf der richtigen Seite zu kämpfen.

Doch in einem unterscheiden sich beide gravierend - und das ist der Stil des Vorgehens. Während Piech von Kennern als extrem ehrgeizig, aber auch als kalt und zuweilen brutal beschrieben wird, ist Wolfgang Porsche von eher ausgeglichenem und ausgleichendem Wesen. Immer wieder reitet Piech Attacken gegen Wiedeking. Mal bremst er ihn aus und versucht ihm das Leben bei VW schwer zu machen, mal gibt er vor Journalisten seine Verachtung für den Porsche-Chef zu Protokoll. Zugute kommt ihm dabei sein Nimbus als Chef-Killer. Ob der frühere Audi-Chef Paefgen, ob der Ex-VW-Chef Bernd Pischetsrieder oder der frühere Vorstand Daniel Goeudevert - keiner, der bei Piech in Ungnade gefallen war, konnte sich halten. Wiedeking glaubte, der erste zu sein, der Piechs Bannstrahl überleben kann. Er irrte sich.

Als Automanager hat Wiedeking fast alles richtig gemacht. Doch in einem Punkt lässt sein Gespür ihn im Stich: Wenn es um die Menschen ging. In seinem Umfeld sind seine Wutausbrüche gefürchtet. Und sein Taktieren bei der Übernahme von VW erzeugt in Wolfsburg zunehmend das Gefühl, Spielball der Ambitionen Wiedekings zu sein.

Wiedeking: "Bei VW darf es keine heiligen Kühe geben."


Als Porsche im Herbst 2005 bei Volkswagen einsteigt, erweckt Wiedeking noch den Eindruck, er wolle sich bei VW mit einer Nebenrolle zufriedengeben. Doch der Konzern kommt nicht recht von der Stelle. Nach zwei Jahren kündigt Wiedeking an, bei VW die Mehrheit übernehmen zu wollen. Und er macht aus seiner Unzufriedenheit keinen Hehl. Bei VW dürfte es "keine heiligen Kühe geben, denn die gibt es auch bei Porsche nicht". Seither hat er im Betriebsrat von Volkswagen einen mächtigen Gegner.

Doch mit Äußerungen wie diesen bringt er nicht nur die Arbeitnehmervertreter gegen sich auf, sondern auch den mächtigen VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech. Denn Piech hat VW selbst zehn Jahre lang geführt, und die forschen Äußerungen über die Zustände in dem Konzern nimmt er offenbar persönlich. Wiedeking äußert auch Zweifel am Luxuswagen VW Phaeton äußert, der den Technikfan Piech in Verzückung versetzt, die Kaufleute des Konzerns aber nur den Kopf schütteln lässt. Das macht das Verhältnis nicht einfacher. Und Piech hat nicht nur Macht bei VW, sondern ist auch Großaktionär bei Porsche. Und er ist zwar Milliardär und Kapitalvertreter, hat aber keinerlei Berührungsängste gegenüber dem Betriebsrat. Als der frühere VW-Chef Bernd Pischetsrieder in Ungnade fiel, deutete er an, sich auf die Seite der Arbeitnehmer zu schlagen - dann hätte dieser bei seinen Aufsichtsräten keine Mehrheit gehabt. Kurze Zeit später war Pischetsrieder weg. Auch gegenüber Wiedeking spielt Piech Doppelpass mit dem früheren Klassenfeind des Kapitals. Um zu verhindern, dass Wiedeking bei VW durchregieren kann, ließ er einen Antrag der Arbeitnehmer passieren, wonach Wiedeking jegliche Zusammenarbeit mit Porsche genehmigen lassen muss.

Piech sieht sich nicht in der zweiten Reihe


Wiedekings Selbstbewusstsein war Piech zunehmend ein Dorn im Auge. Piech sieht seine Rolle darin, zwei Unternehmen zusammenzuführen, und sein Angestellter Wiedeking präsentiert sich als eigentlicher Macher? Piech sieht sich überall, nur nicht in der zweiten Reihe. Schon gar nicht hinter Wiedeking.

Die Finanzkrise kommt Piech da gerade recht. Denn sie führte dazu, dass Wiedeking plötzlich eine breite Angriffsfläche zeigte. Dabei hatten er und sein Finanzchef Holger Härter bei der Übernahme drei Jahre lang die Finanzmärkte ausgetrickst. Ein ums andere Mal erhöhte Wiedeking die VW-Anteile von Porsche, und immer wieder beteuerte er, dass er nicht beabsichtige, die Anteile weiter aufzustocken. Hätte er seine Pläne zugegeben, wäre der Aktienkurs wohl noch stärker gestiegen, als es ohnehin schon der Fall war. Doch ohnehin hat sich Wiedeking immer wieder mit so genannten Optionen versorgt, mit denen er sich rechtzeitig gegen Kursanstiege absichern konnte.

Anfang 2009: Wiedeking begeht den größten Fehler seines Lebens


Doch Erfolg macht nachlässig, und Anfang dieses Jahres beging er den entscheidenden Fehler. Porsche besaß 42 Prozent und bekam von einer Bank ein Paket über acht Prozent angeboten. Die Aufstockung über die 50-Prozent-Schwelle war vermutlich nicht geplant - doch diese Gelegenheit wollte sich Wiedeking offenbar nicht entgehen lassem. Er griff zu und beging den wohl größten Fehler seines Lebens. Am 5. Januar 2009 erklärte Porsche offiziell, jetzt die Marke von 50 Prozent der VW-Anteile überschritten zu haben. Anders als die früheren Schachzüge ist dieser erkennbar schlecht vorbereitet. Denn der Kauf der acht Prozent ist riskant finanziert. Porsche verstößt gegen die goldene Regel, wonach langfristige Engagements wie der VW-Einstieg auch langfristig finanziert werden muss. Schon nach einem Vierteljahr muss ein Kredit über zehn Milliarden Euro zurückgezahlt werden.

Früher standen die Banken Schlange, um Porsche Geld leihen zu dürfen, doch inzwischen war der Kreditmarkt ausgetrocknet. Finanzchef Härter kämpft um die Verlängerung, doch die Banken lassen ihn hängen. Erst wenige Tage vor dem Rückzahlungstermin gelingt es ihm, den Kredit zu verlängern. Aber der Preis dafür ist hoch. Porsche muss hohe Zinsen zahlen - der gesamte Gewinn aus dem Autogeschäft geht dafür drauf.

Porsche wird zum Bittsteller


Mehr noch: Damit die zehn Milliarden zusammenkommen, kürzen Banken offenbar die so genannten Betriebsmittelkredite, die Porsche über kurz oder lang benötigt, um zum Beispiel Zulieferer zu bezahlen. Kaum ist das eine Loch notdürftig gestoppt wird das nächste bereite aufgerissen. Porsche wird zum Bittsteller, Wiedeking muss sich selbst erniedrigen. Ausgerechnet er, der mit dem Spruch "Luxus und Stütze passen nicht zusammen" Schlagzeilen machte, muss nun beim Staat um einen Kredit nachsuchen. Am Ende blitzt er ab - die Bundesregierung lehnt es ab, sich mit dem Antrag auch nur zu beschäftigen.

Nun muss Wiedeking um Investoren kämpfen. Die VW-Kasse ist - auch dank der staatlichen Abwrackprämie - prall gefüllt und könnte die Probleme von Porsche auf einen Schlag lösen. Allerdings nur um den Preis der Unabhängigkeit, die Wiedeking vor 17 Jahren gerettet hatte. VW bringt die Idee ins Spiel, Porsches Schulden zu übernehmen - und die Firma gleich dazu. Fieberhaft suchen Wiedeking und Härter Investoren, die die Abhängigkeit von VW verringern könnten. Schließlich finden sie einen ernsthaften Interessen - das Golf-Emirat Katar. Doch auch dieses wird ihm nun wohl nicht mehr weiterhelfen. Wenn Katar einsteigt, dann wohl bei Volkswagen.
 

Klaus Köster

17.07.2009 - aktualisiert: 17.07.2009 20:00 Uhr

 



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