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Speed-Dating im Trend

In sieben Minuten zur großen Liebe?

Die große Liebe für 29 Euro. Und das gleich siebenmal - damit locken Speeddating-Anbieter
Foto: dpa

Stuttgart - Die Liebe auf den ersten Blick. Weiche Knie und Schmetterlinge im Bauch. Das ist nicht jedem vergönnt. Der erste Eindruck aber ist allemal entscheidend. Auf ihn bauen Anbieter von sogenannten Speed-Datings. Sie wollen Singles zum Liebesglück verhelfen - und das möglichst schnell und gegen Gebühr.

"Ich suche die Frau, die mich liebt. Und die ich liebe. Bedingungslos. Da kann die gelb, rot oder kohlrabenschwarz sein. Liebe macht alles möglich. Punkt. Aus", sagte ein Mann Ende 30 mit markanter Brille. Er gehört zu einer Gruppe von sieben Männern und sieben Frauen, die sich in einer Stuttgarter Bar um ein paar hohe Stehtische versammelt haben. Einige sitzen die Beine baumelnd auf den Barhockern. Ein Herr in weißer Leinenhose steht lässig gegen den Tisch gelehnt. Bei seinem braun gebrannten Nachbarn spannt sich das Hemd über seiner trainierten Brust. Auf jedem Tisch brennt ein Teelicht. Doch von Romantik ist nichts zu spüren. Es herrscht eine angespannte Atmosphäre.

Zwei blonde Frauen in hellen Blusen blicken erwartungsvoll in die Runde. Dezent geschminkt sitzt eine Braunhaarige in kurzem Rock und hohen Stiefeln auf einem Barhocker. Eine dunkelhaarige Schönheit mit tätowiertem Oberarm lächelt verlegen. Ihr gegenüber sitzt ein hochgewachsener Mann mit blauem Polohemd; die Designer-Sonnenbrille in den Kragen gesteckt. Ein anderer Mann in olivgrünem Hemd fühlt sich sichtlich unwohl.

Klare Regeln: Sieben Minuten Zeit zum kennenlernen

Alle haben sie eines gemeinsam. Sie sind Singles. Und sie suchen nach einem Partner. Die große Liebe für 29 Euro. Und das gleich siebenmal. Das zumindest verspricht ein großer Speed-Dating-Anbieter, der deutschlandweit arbeitet. "Wer einsam bleibt, ist selbst schuld!", heißt es da. "Nie wieder peinliche drei Stunden lange Blind Dates, aus denen man sich winden muss", lockt ein anderer Anbieter. Einschreiben kann man sich im Internet. Die Regeln für die flüchtigen Begegnungen sind klar definiert.

"Ihr habt sieben Minuten Zeit, den anderen kennenzulernen", sagt eine schwarzhaarige Hostess, der sogenannte Date-Angel. "Ihr tauscht eure Pseudonyme aus. Dann ertönt der Gong. Der Mann wechselt an den jeweils nächsten Tisch weiter. Nach jeder Begegnung kreuzt ihr an, ob ihr den anderen wiedersehen möchtet. Oder nicht." Nervöses Kichern in der Runde. Dann geht es los.

Der Mann in Weiß, der eben noch am Tisch lehnte, fliegt in seiner Freizeit Propellerflugzeuge. Jetzt hat er Bedenken, ob er hier wohl auf "zivilisierte Menschen" treffen würde. Der braun gebrannte Herr im Hemd ist Bankangestellter. Er grinst viel und breit und träumt von einem besseren Leben samt Strand von viel Geld und Kalifornien. "Dort ist das Leben ganz sicherlich weniger fies", meint er. Sein Gegenüber ist eine der jungen blonden Frauen. Generell liebe er Amerika, sagt der braun gebrannte Herr. Und amerikanische Vornamen. Als Pseudonym hat er "Ryan" gewählt. Den Namen hat er in einer US-Serie aufgeschnappt. "Amerika und die amerikanische Lebensweise finde ich wirklich gut." Der Grund dafür? "Da kann man so viel Geld machen!" Ob er schon mal in Amerika gewesen sei? Ja, in Florida. Und eben in Kalifornien. Das Einzige, was ihn da stört, ist, "dass dort viele Menschen so fürchterlich dick sind. Da ist mir gleich der Appetit vergangen."

Der Gong ertönt. Man rutscht weiter.

Besonders für die 30- bis 40-Jährigen, die mitten im Beruf stehen und wenig Zeit haben, andere Menschen kennenzulernen, soll Speed-Dating eine neue Perspektive eröffnen. "In diesem Alter haut man sich einfach nicht mehr die Nächte um die Ohren und steht sich nicht die Beine in einer Bar in den Bauch", so Speed-Dating-Experte Jens Müller. "Für Menschen, die voll im Berufsleben stehen, ist Speed-Dating eine willkommene Möglichkeit, in kurzer Zeit möglichst viele Menschen kennenzulernen." Müller hat beobachtet, dass mehrheitlich Akademiker an Speed-Dating-Veranstaltungen teilnehmen. Es handelt sich um "gehobenes Klientel mit überdurchschnittlichem Bildungsabschluss und Selbstsicherheit", sagt er.

Der hochgewachsene Mann im dunkelblauen Polo blickt inzwischen etwas skeptisch drein. Er stellt sich als Unternehmensberater vor. Nach einer langen Beziehung sucht er eine neue Partnerin. Jedoch kommen ihm nun Zweifel, ob Speed-Dating dafür das richtige "Konzept" sei.

"Für viele geht es nach einer Trennung in die zweite Runde", weiß Jens Müller. Das beobachtet auch Nina Deißler. Sie tritt als Date-Coach in der ZDF-Sendung "Flirtcamp" auf. Nebenbei veranstaltet sie Flirt-Seminare - für 295 Euro das Wochenende. "Viele Menschen um die 30, für die eine lange Beziehung zu Ende geht, müssen erst einmal wieder lernen, Leute kennenzulernen. Das ist der klassische Fall." Die Speed-Dating-Veranstalter versprechen da Abhilfe: Völlig ungezwungen könnten Singles in kurzer Zeit andere Singles kennenlernen. Auch ein Korb sei in der Regel einfacher zu verschmerzen als beim traditionellen Date, heißt es in einer Studie des Bonner Instituts für Arbeitsforschung (IZA).

Oft entstehen nur Freundschaften - bei manchen klappt es aber mit der Liebe

Gong, weiter. Der Teilnehmer in olivgrünem Hemd erzählt gelangweilt: "In meiner Freizeit tue ich so das Übliche." Er fliegt Modellhubschrauber. Nun wundert er sich, dass so viele hübsche Frauen gekommen sind. "Das habe ich so nicht erwartet."

Tatsächlich sind es oft attraktive und beruflich erfolgreiche Frauen, die zum Speed-Dating gehen, erzählt Müller. Der Soziologe Jan Skopeck von der Uni Bamberg erklärt das Phänomen so: "Diese Frauen haben zunehmend Probleme, im Alltag einen Partner zu finden. Aufgrund ihrer hohen ökonomischen Unabhängigkeit und ihren gesteigerten Bildungsansprüchen an den Partner ziehen sie es vor, auf Augenhöhe oder nach oben zu heiraten." Sie fallen so aus dem Raster der traditionellen Ehe, in der der Mann oft einen höheren Bildungsgrad hat.

Dass Männer weiterhin "nach unten" heiraten, macht die Suche laut Skopeck umso schwieriger. Auch beim Speed-Dating wollen Männer häufiger Frauen wiedersehen, deren berufliche Stellung nicht die eigene übersteigt - behauptet die IAZ-Studie.

Entsprechend zögerlich seien Frauen auch, wenn es dann um ein Wiedersehen geht, erklärt Müller: "Männer kreuzen da viel leichtfertiger an." Die spätere Entscheidung, den anderen wieder zu treffen, sei primär durch Faktoren wie Aussehen, Größe und Gewicht motiviert. Diese hängen der IZA-Studie zufolge jedoch meist eng mit Bildungshintergrund und finanzieller Situation zusammen.

Die Frau mit der Tätowierung ist Brasilianerin. Sie erhoffe sich wenig von diesem Treffen, sagt sie. "Aus Spaß an der Freude" sei sie hier. Andere Teilnehmer beteuern, einen Geschenkgutschein bekommen zu haben. "Viele sind auch einfach neu in der Stadt und suchen Kontakt", erzählt der Date-Angel. Denn nicht immer muss es die große Liebe sein. "Oft entstehen Freundschaften oder Hobbygruppen", berichtet Müller. Doch bei einigen klappt es sogar mit der Liebe. "Es wurden bereits die ersten beiden Speed-Dating-Babys geboren", sagt Müller. "Dunkelziffer unbekannt."

Als der letzte Gong ertönt, erkundigt sich der Mann, der auf der Suche nach bedingungsloser Liebe ist, noch hastig nach dem Sternzeichen seiner Gesprächspartnerin. "Bist du Löwe?", will er begierig wissen: "Aszendent?" Der Unternehmensberater im Polohemd schaut nun noch skeptischer als zuvor. "Das Eigentliche geht ja jetzt erst los." Er meint das richtige Kennenlernen. Wirklich optimistisch klingt das nicht.
 

Stefanie Gruber

25.07.2009 - aktualisiert: 24.07.2009 18:35 Uhr

 



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