Boston - Der im Großraum New York aufgedeckte illegale Handel mit menschlichen Organen hat größere Ausmaße als zunächst angenommen. Zehntausende der 80.000 Patienten, die zurzeit in Amerika auf eine neue Niere warten, befürchten nun, dass jemand mit viel Geld einfach an ihrer Warteliste vorbeizieht.
In der vergangenen Woche hatten FBI-Beamte im New Yorker Stadtteil Brooklyn Levy Izhak Rosenbaum verhaftet, nachdem er einem verdeckten Ermittler für 160.000 Dollar (113.000 Euro) eine menschliche Niere verkauft hatte. Rosenbaum wollte in Israel einen Spender finden, diesen in die USA einfliegen und sowohl die Nieren-Entnahme als auch die Transplantation in einer amerikanischen Klinik vornehmen lassen. Die Vorgehensweise überraschte die Ermittler, denn üblicherweise gehen die Patienten aus den USA ins Ausland, um sich dort ein Organ einpflanzen zu lassen.
Rosenbaums Organschmuggel wurde im Rahmen einer größeren Fahndungsaktion entdeckt, bei der 44 Personen aufflogen. Darunter sind Rabbiner in New York, Bürgermeister aus Städten rund um New York und ein Mitglied im Kabinett des Gouverneurs von New Jersey. Letzterer, Jon Corzine, war als Finanzminister im Kabinett von Präsident Barack Obama im Gespräch.
Ärzte und Transplantationsfachleute wurden von dem Organschmuggel der Rosenbaum-Connection völlig überrascht. "Dass dies in unserem Land geschehen konnte, ist schockierend", sagt die ehemalige Vorsitzende des amerikanischen Roten Kreuzes, Bernadine Healy. Der Professor für Bioethik an der Universität des Staates New York, Steven Post, bezeichnete Rosenbaum als ein Verbindungsglied in einer bisher einmaligen internationalen Organschmuggel-Kette.
In den Entwicklungsländern habe der Organhandel seit Jahren zugenommen. Das gelte auch für verarmte europäische Länder wie Moldawien, erklärt Nancy Schepper-Hughes, Direktorin des Forschungsprogramms Organ Watch an der Universität Berkeley in Kalifornien. Besorgten sich reiche Amerikaner illegal ein Organ, etwa eine Niere, geschah dies bisher in Zusammenarbeit mit Chirurgen und Spendern in Ländern, wo ihr Geld viel wert ist und die Gesetze solche Transaktionen zulassen. Rosenbaum allerdings brachte die Spender in die USA. Die Operationen, die er organisierte, könnten ohne Wissen der Chirurgen oder der Kliniken über die Herkunft der Organe vorgenommen worden sein.
Laut der Anklageschrift hatte Rosenbaum Transplantationen in New York und Philadelphia vermittelt. Den verdeckten Ermittlern erzählte er, dass er solche Geschäfte seit einem Jahrzehnt mache und die letzte Transplantation Anfang Juli vorgenommen worden sei. "Ich bin wohl das, was man einen Kuppler nennt", hatte er über sich selbst gesagt.
Die gemeinnützige Organisation United Network for Organ Sharing aus Washington, die legale Kontakte zwischen Patienten und Spendern herstellt, erklärte, das gesamte Transplantationssystem werde unterlaufen, wenn illegale Organverpflanzungen regelmäßig in amerikanischen Kliniken vorgenommen würden.
Rund 80.000 Amerikaner warten zurzeit auf ihre Nieren-Transplantation, teilweise bis zu drei Jahre lang. Nach Angaben des United Network sind 4500 Menschen während der Wartezeit verstorben. "Solche konkreten Vorwürfe krimineller Handlungen im Bereich der Transplantationen in den USA sind zum ersten Mal erhoben worden", heißt es in deren Erklärung.
Sprecherin Melissa Honohan ergänzte, dieser Schmuggel mache deutlich, dass das Transplantationswesen transparenter gemacht werden müsse. "Das öffentliche Vertrauen muss an erster Stelle geschützt werden", sagte Honohan. "Es zeigt auch, wie knapp wir an Organen sind und wie wichtig es ist, dass sich Menschen entschließen, Organspender zu werden."