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Wortgefecht um Israel-Kritkerin

Palmer und die Maultaschen

29.07.2009 - aktualisiert: 30.07.2009 10:59 Uhr

Redaktionsgast Boris Palmer
Boris Palmer
Foto: Piechowski
Tübingen - Dorftrottel, Jammerlappen, eingebildeter Jude –Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (37) hat sich zuletzt einiges anhören müssen. Und zwar nicht von irgendwem. Der berühmt-berüchtigte Publizist Henryk M. Broder (62), hat ihn so bezeichnet.

Den kompletten Mail-Wechsel lesen Sie hier.

Broder, der einer polnisch-jüdischen Familie entstammt und in Berlin lebt, ist einer der scharfzüngigsten Verteidiger der israelischen Politik. Er nimmt gerne vermeintliche oder tatsächliche antisemitische Tendenzen aufs Korn, bevorzugt die im linken Lager. Für seine Arbeit ist der Buchautor und Journalist, der unter anderem für "Spiegel online" schreibt, mehrfach ausgezeichnet worden. Er erhielt unter anderem den Ludwig-Börne-Preis und den Hildegard-von-Bingen-Preis für Publizistik. Wegen seiner Polemik musste er sich aber auch schon mehrfach vor Gericht verantworten - und bekam nicht immer Recht.

Als Broder hörte, dass die ebenfalls ziemlich scharfzüngige Israel-Kritikerin Felicia Langer (78) aus Tübingen das Bundesverdienstkreuz erhalten hat, glaubte er zunächst an eine Behördenpanne. So behauptete er es zumindest in seinen Anfragen bei den zuständigen Stellen. Fast alle gingen in Deckung. Das Stuttgarter Staatsministerium, dessen Amtschef Hubert Wicker die Ehrung vorgenommen hatte, schickte nur eine kurze, vorgefertigte Standardantwort, an der einzig der Hinweis interessant war, dass neben dem Bundespräsidialamt auch das Auswärtige Amt in Berlin den Fall im Vorfeld auf dem Tisch hatte und offenbar auch keine Bedenken gegen die Preisträgerin in spe erhob.

Insofern dürfte dieser Fall auch die deutsch-israelischen Beziehungen trüben, denn der Sprecher des israelischen Außenministeriums bewertet die Lebensleistung der Jüdin Langer, die als Anwältin in Israel das Anliegen der Palästinenser zu ihrem eigenen machte, ganz anders. Diese habe, sagte er dem "Tagesspiegel" in Berlin, "über Jahre immer wieder Kräfte unterstützt, die Gewalt, Tod und Extremismus befürworten". Jedem, der ihr einen Orden verleihen wolle, müssten "die Konsequenzen bewusst sein, wenn man Intoleranz und böse Absichten nachträglich legitimiert".

Der einzige, der sich aus der Deckung wagte, war Boris Palmer. Der Grünen-Politiker ist selbst "Enkel eines Juden", sein Vater, der verstorbene Remstalrebell Helmut Palmer, fühlte sich zeitlebens als Halbjude von der deutschen Justiz verfolgt.

Er sei, schreibt Boris Palmer an Broder, in seiner Schulzeit als "Vierteljude" bezeichnet worden und habe sich Sätze anhören müssen wie "Sie haben nur vergessen, Deinen Vater zu vergasen". Das seien prägende Erfahrungen gewesen, die ihn davon abhielten, antisemitische Parolen hinzunehmen.

Frau Langer aber, so Palmer weiter, sei keine Antisemitin und habe das Bundesverdienstkreuz verdient. Er habe mit ihr über die Vorwürfe gesprochen, sie habe jeden Punkt schlüssig widerlegen können.

Broder hingegen, so beschied ihm Palmer, sei ein "Stichwortgeber für ein Netzwerk von Hasspredigern" und Teil einer Kampagne, "die Israel mehr schadet als jedes Wort von Felicia Langer".

Broder ließ daraufhin den Polemiker in sich von der Leine. "Haben Sie noch alle Maultaschen in der Pfanne?", fragte er Palmer und bezeichnete ihn wahlweise als "village idiot" (Dorftrottel), Jammerlappen und "eingebildeten Juden". Inzwischen wisse er, dass die Ehrung Langers keine Panne gewesen sei, sondern "ein weiterer Schritt auf dem langen Weg, die deutsche Geschichte zu dekontaminieren. Auf dem Rücken der Israelis, mit Hilfe einer "guten" Jüdin."

Palmer will es damit gut sein lassen. Keine Mails mehr an Broder, auch keine Anzeige wegen Beleidigung. "Ein guter OB", sagt er, "ist nicht beleidigungsfähig."
 

Rainer Wehaus