Drucken Versenden

Steinmeier beruft Millionär

Christ der Erlöser der SPD?

Kompetenzteam mit Christ (re.)
Foto: AP/Bearbeitung: StN

Berlin - Ein "weiter so" soll es nicht geben, sagt Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Mit seinem Kompetenzteam vom Bundesminister bis zur Nachwuchshoffnung soll es im Wahlkampf endlich aufwärts gehen, allen schlechten Umfragewerten zum Trotz.

Er ist die Nummer zwei bei der Mannschaftsaufstellung im "Team Steinmeier". Er ist 37 Jahre jung, und er ist schwul. Stockschwul wie er kokett offensiv aufspielt. Den Nachsatz, "und das ist auch gut so" spart sich Harald Christ in Potsdam. Auf dieses Zitat hat sein größter Freund und Förderer das Copyright: Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister.

Der selbstständige Finanzinvestor und ehemalige Banker Harald Christ ist die größte Überraschung im SPD-Kompetenzteam, das Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier auf der Potsdamer Halbinsel Hermannswerder am Donnerstag vorstellt. Der Arbeitersohn war bereits in Hamburg SPD-Schatzmeister und in Berlin als Finanzsenator im Gespräch. "Wir arbeiten seit langem zusammen", betont Steinmeier. Christ läuft in seiner Branche unter dem Arbeitstitel "Multimillionär und Sozialdemokrat", was in der SPD so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal ist.

Erkennbar also soll er sein; erkennbar ist Christ längst, der Mann, der die Öffentlichkeit sucht und das künftig nach Kräften tun soll. Vor allem aber soll er am Ball bleiben und eine verlässlichere Wahlkampfgröße sein als der letzte Wirtschaftsfachmann, den der damalige Kanzlerkandidat Gerhard Schröder 1998 aus dem Hut gezaubert hatte. Jost Stollmann hieß der Joker seinerzeit, Unternehmer und ausgerechnet CDU-Mitglied - zumindest bis in die späten 80er Jahre -, bevor er für Schröders Neue Mitte Partei und Wort ergriff. Stollmann trat ins Schattenkabinett ein, warf aber schon nach einem Vierteljahr die Brocken hin, weil ihm der damalige Parteichef Oskar Lafontaine Zuständigkeiten versagte und zur Marionette machen wollte. Nicht einmal die Koalitionsverhandlungen hatte Stollmann in diesem Panoptikum politisch überlebt. Das soll mit Christ nicht wieder passieren.

Der stämmig-forsche Mann kann sich in Rage reden; er weiß, dass er dann mitreißend wirkt. Was er auch weiß ist, dass genau dieses Talent zur Begeisterungsfähigkeit der SPD und zuweilen ihrem Kanzlerkandidaten fehlt. "Schon mit 16, als ich in die SPD eingetreten bin, wollte ich etwas verändern", wird er nicht müde zu beteuern. Vor allem wollte er sich schon damals nicht damit abfinden, genau das Leben führen zu sollen, das jenen vorgeschrieben schien, die wie er aus nicht privilegiertem Umfeld stammen. Volksschule, Lehre, Häuschen, Familie - das reichte Christ nicht, das reicht ihm bis heute nicht. "Es muss möglich sein, durch Einsatz und durch Leistung mehr aus seinem Leben zu machen", doziert er eifrig. Auch heute. Noch immer will er "etwas bewegen". Jetzt erst recht.

Dass Christ Bündnisse von SPD und Linkspartei nicht als Schreckgespenst verteufelt, die rot-rote Koalition im Land Berlin sogar für erfolgreich und professionell hält, will Steinmeier zwar nicht überbewerten. Wie ein Mantra lehnt er im Bund jede Allianz mit Lafontaines Truppe ab. Wie SPD-Chef Franz Müntefering steht er aber zur Verabredung, dass jeder Landesverband selbst ausloten soll, mit wem er sich arrangieren kann. Christ strotzt vor Selbstbewusstsein, wenn er sagt: "Historisch ist die SPD die Partei des kleinen Mannes, der Schwächeren. Ich lass mir doch nicht von einer Partei, die sich seit zwei Jahren links nennt, die Butter vom Brot nehmen."

Wie aber will er Appetit auf die Steinmeier-SPD machen? "Die Menschen wissen zurzeit nicht, wo die Partei wirklich steht", meint Christ. "Das ist natürlich auch ein bisschen aus der Agenda 2010 entstanden." Jene Arbeitsmarktreform, die die SPD zerriss und deren Folgen sie bis heute beschäftigt, ruft Müntefering auch in Potsdam in Erinnerung: "Wir haben der Politik, die wir 2005 nicht durchsetzen können, nicht abgeschworen."

Christ, der Erlöser der SPD? Mit derart saloppem Selbstverständnis tritt er dann doch nicht auf, auch wenn er weiß, dass er dem fast gleichaltrigen Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg von der CSU Paroli bieten soll.

Im Windschatten des Neuen laufen dagegen die anderen Mitglieder des designierten SPD-Kabinetts. Wie geplant bleibt der Platz der Gesundheitsministerin an diesem Donnerstag frei. Ulla Schmidt muss erst die Dienstwagen-Affäre überstehen.

Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel werden sich in der "ARD-Wahlarena" jeweils direkt den Fragen der Wähler stellen. Das Erste zeigt die Sendungen am 7. September mit Merkel (21 Uhr) und am 8. September mit Steinmeier (21.05 Uhr)
 

Von Claudia Lepping, Potsdam

30.07.2009 - aktualisiert: 31.07.2009 15:41 Uhr

 



Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise