Tübingen - Freitagnachmittag im Botanischen Garten in Tübingen. Zwischen Bäumen sind Seile gespannt. Auf einem Seil balanciert Andrea. Und damit liegt die 22-jährige Biologie-Studentin voll im Trend.
"Besonders jetzt in der Prüfungsphase gehe ich nie ohne meine Slackline aus dem Haus. Das ist der perfekte Ausgleich zum stundenlangen Lernen am Schreibtisch - und fordert die Konzentration." Die Kölnerin slackt seit einem Jahr. Slackline heißt so viel wie durchhängendes Seil. 2007 wurde in Tübingen auf dem Gelände der Sportfakultät der erste Trainingsparcours für Slacklines eingerichtet.
Auch Thomas Jakob ist dem Slacken verfallen: "In den USA gibt es diesen Sport bereits seit 30 Jahren. Er stammt ursprünglich aus der Kletterszene", erzählt der Betreiber eines Sportgeschäfts. Primär diente es als Ergänzungstraining. Doch längst begeistert das Balancieren auf der "Line", wie das Band von den Slackern genannt wird, nicht mehr nur Kletterer. Bei den einen weckt das Seil sportlichen Ehrgeiz, für andere ist der Balanceakt eine Art Meditation.
Besonders jetzt im Sommer prägen die bunten Lines das Bild in vielen Parks. Doch auch in Städten sind Slacker immer öfter anzutreffen: "Inzwischen gibt es verschiedene Stile und Formen des Slackens", erzählt Kletterer Jakob. "Wir sind früher in die freie Natur raus und haben unsere Seile dort gespannt. Aber inzwischen hat sich ein ganz eigener urbaner Slackstil entwickelt." Dieser enthält Elemente aus dem Skateboarding, Inlineskaten oder Breakdance.
Die Outdoor-Messe in Friedrichshafen im Sommer 2008 brachte den Durchbruch
"An sich kann man alles, was man auf dem Boden machen kann, auch auf der Line machen", erzählt Jakob. "Das reicht von Saltos mit Schraube über Rückwärtssaltos bis zu sogenannten Grips - Sprünge, bei denen man sich an das hochgezogene Bein fasst. Stuttgart gilt als Hochburg dieses urbanen Slackstils. Das liegt auch daran, dass hier der Slackline-Hersteller Gibbon seinen Sitz hat. Seit 2007 stellt das Stuttgarter Unternehmen Slacklines her - und verkauft diese inzwischen in die ganze Welt.
"Als mir ein Freund vor ein paar Jahren aus Australien eine Slackline mitbrachte, dachte ich mir: Schon wieder so ein blöder Trendsport", erinnert sich Robert Käding, Produktentwickler bei Gibbon. Doch als er zum ersten Mal auf der Line stand, war er begeistert: "Man hat immer kleine Erfolgserlebnisse - zuerst nur, auf der Line stehen zu bleiben. Irgendwann beginnt man dann, auf ihr zu laufen. Und dann locken die Sprünge." Seine Idee, den Nischensport bekannt zu machen, ging auf: "Unsere Lines sind etwas breiter als die Vorgänger. Das macht das Laufen einfacher. Außerdem sind sie recht erschwinglich", erzählt Käding. Ein Band kostet um die 50 Euro.
Die Outdoor-Messe in Friedrichshafen im Sommer 2008 brachte den Durchbruch. Rund um die bunten Lines hat sich inzwischen eine breite Szene gebildet. "Wir organisieren Slackfestivals, Workshops und Reisen", erzählt Käding. In Bayern wurden bereits Workshops für Sportlehrer organisiert, um Slacklines in den Sportunterricht einzubauen. "Wir arbeiten mit dem Schwäbischen Turnerbund zusammen und fördern Slackline-Talente. Einer unserer Zwölfjährigen steht einen Rückwärtssalto auf der Line", berichtet Käding.
Auch die Politik musste sich inzwischen mit dem neuen Trend auseinandersetzen. Aufgrund eines Verbots, nachdem Gegenstände nicht an Bäumen angebracht werden dürfen, war Slacken in Stuttgart nicht möglich. Dazu kam die Sorge, die gespannten Bänder könnten die Bäume beschädigen. Student Martin Klug bekam dies an der eigenen Line zu spüren: Nach heftiger Diskussion schnitt sie ein Polizist einfach durch. Zudem sollte Klug 80 Euro zahlen.
Tatsächlich spielt das Thema Baumschutz auch für Slacker selbst eine große Rolle: "Baum ist nicht gleich Baum", erklärt Käding. So eigneten sich Bäume mit dicker Borke hervorragend für das Anbringen der Lines. Werden die Seile jedoch an Bäumen mit dünner Rinde wie Buchen angebracht, kann leicht deren Wasserader beschädigt werden. "Wir sensibilisieren die Slacker für dieses Thema", betont Käding. "Buchen sollst du meiden, Eichen sollst du suchen", lautet das Motto.
Martin Klug, der Student mit der zerschnittenen Line, wurde schließlich zum Vorreiter für Slackzonen in der Landeshauptstadt Stuttgart. Er suchte Unterstützung und fand diese bei den Grünen. Inzwischen gibt es in mehreren Orten Bäume, an denen "geslackt" werden darf - etwa im Scharnhauser Park in Ostfildern. Gekennzeichnet sind sie mit einem blauen "S". Und die 80 Euro Strafe musste Klug letztendlich auch nicht bezahlen.
Stefanie Gruber