Stuttgart - Das Terrarium stand nur einen Augenblick lang offen. Doch diese Gelegenheit ließ sich die Königs-Python nicht entgehen. Ohne dass jemand etwas bemerkte, hangelte sie sich aus ihrem gläsernen Zuhause, kroch über den Boden und ward stundenlang nicht mehr gesehen. Und das trotz ihrer Größe.
Königspythons werden bis zu zwei Meter lang. Der Schlangenbesitzer aus Schönbrunn im Rhein-Neckar-Kreis war ratlos. Er rief die Polizei. Doch die musste nicht mehr einschreiten. Ein Nachbar entdeckte das Tier im Heizungskeller, schleppte es an einen sicheren Ort und übergab es schließlich dem Besitzer.
Zu einer Begegnung der bissigen Art kam es am elsässischen Flüsschen Ill. Dort zog ein Angler dieser Tage einen Piranha an Land. Der südamerikanische Raubfisch tummelt sich üblicherweise in Amazonasgewässern. Wahrscheinlich habe ein skrupelloser Aquariumbesitzer den Fisch freigelassen, mutmaßte die Polizei.
Exotischer, seltener, gefährlicher: Mit diesen Worten lässt sich der Trend beschreiben, der seit Jahren bei Haustierhaltern zu beobachten ist. "Wir sehen diese Entwicklung mit großer Sorge", sagt Herbert Lawo, Vorsitzender des Landestierschutzverbands. Ausgefallene Tiere gehören seiner Meinung nach nicht in Privathaushalte. "Die Bedingungen, die diese Tiere benötigen, sind nicht dauerhaft gewährleistet", sagt Lawo.
Und er geht noch weiter: "Die private Haltung von exotischen Tieren in Baden-Württemberg verboten werden." Das sehen viele Tierliebhaber jedoch anders. Die Zahl der exotischen Haustiere im Südwesten lässt sich zwar nicht ermitteln. Doch alle Haustiere zusammen - inklusive Hunde, Katzen und Kleintiere - bringen es iauf etwa drei Millionen. Eine Zahl, die sich in den vergangenen Jahrzehnten verdoppelt habe, sagt Lawo.
Ähnlich rasant sei es auch bei der Zahl exotischer Tiere nach oben gegangen. Einige Beispiele: Im gesamten Bundesgebiet leben vermutlich einige Tausend Krokodile, mehr als 100.000 Giftschlagen und 200.000 Riesenschlangen. Wie viele exotische und gefährliche Haustiere in Baden-Württemberg ein Zuhause gefunden haben ist nicht zu sagen: Sie müssen nirgendwo gemeldet werden. Mehr noch: Theoretisch darf sich jeder diese Tiere halten. Die jeweiligen Regierungspräsidien kontrollieren lediglich, ob die Echsen, Schlangen oder Spinnen legal beschafft wurden, das heißt, ob sie nicht gesetzeswidrig über die Grenze geschmuggelt wurden.
Ein reger - rein legaler - Markt hat sich im Internet etabliert. "Der Handel mit solchen Tieren läuft längst im Verborgenen ab", sagt Lawo. In verschiedenen Foren bieten Privatleute die ganze Palette exotischer Tiere an: über Präriehunde, Weißbüscheläffchen und Polarfüchse bis hin zu Kängurus. Viele von ihnen sind nach dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen geschützt, wie zum Beispiel Grüne Leguane und Chamäleons. Auch von Zirkussen und Tierparks würden immer wieder Tiere an Privatleute abgebeben. Natürlich nur gegen gute Bezahlung. Ist das Tier dann in seinem neuen Zuhause angekommen, schauen meist die Mitarbeiter der Veterinämter regelmäßig vorbei und kontrollieren, ob das Tier auch artgerecht gehalten wird.
So wie in Heilbronn beim Hotelier Hans-Peter Gaupp. Dessen Anwesen steht auf dem Lerchenberg, umgeben von einem großzügigen Garten. Darin lebt Sammy, vier Jahre alt, beliebt bei Jung und Alt. Sammy ist ein ausgewachsener Gepard, ein echtes Raubtier. "Doch auch ein Wildtier kann zutraulich werden", sagt Gaupp. Regelmäßig streichelt er Sammy. Dann schnurt der Gepard zufrieden wie eine Hauskatze. Von Gefahr keine Spur.
Auf 600 Quadratmeter kann sich Sammy ausbreiten, so groß ist Gaupps Garten in Heilbronn, abgegrenzt durch einen hohen Gitterzaun. Gaupp kennt sich aus mit Geparden. Seit 25 Jahren hält er sie. Vor Sammy gab es noch einige andere. "Ich war schon von meiner Jugend an von diesen Tieren fasziniert." Gaupp ist fasziniert von ihrer Kraft, mit der sie ihrer Körper auf bis zu 110 Kilometer pro Stunde katapultieren können. Von ihrer Eleganz, ihrer Anmut. Zwei Kilo feinstes Rind- und Hühnenfleisch frisst Sammy jeden Tag. Ob das nicht teuer wird auf die Dauer? "Ach wissen Sie", sagt Gaupp, "ein schönes Reitpferd zu halten ist auch teuer."