Im Inselbad alles gut im Blick: Bademeister Harald Kastner und seine Kollegen sorgen für Sicherheit in Stuttgarts Freibädern
Foto: Wagner
Stuttgart - Immer wieder ertrinken Menschen in Bädern, Seen und Flüssen. In Stuttgarts Freibädern sorgen städtisches Personal, DRK und DLRG für Sicherheit - und beklagen immer häufiger verantwortungsloses Verhalten der Badenden.
Mit einem schrillen Schrei rutscht Sylvia die breite Wasserbahn auf dem Bauch hinunter. Eine Fontäne spritzt auf, als sie in das kühle Nass taucht. Am Beckenrand steht Bademeister Harald Kastner. Sein Blick schweift von Sylvia zu den vielen anderen Kindern, die sich im Wasser tummeln. Der Lärm am Familienbecken ist infernalisch. Es riecht nach Sonnencreme und Sommer. Ins Inselbad in Untertürkheim kommen in den Sommerferien unter der Woche zwischen 3000 und 4000 Besucher pro Tag - an den Sonntagen verdoppelt sich bei gutem Wetter die Zahl der Sonnenanbeter und Wasserratten. "Je mehr Badegäste im Freibad sind, desto geringer ist auch das Unfallrisiko", sagt der Schwimmbadleiter des Inselbads Arvid Donert.
Das klingt zunächst paradox. Doch Donert liefert die Begründung: "Die soziale Kontrolle funktioniert in vollen Bädern sehr gut, die anderen Badegäste passen auf, ob jemand körperliche Probleme hat oder absäuft." Anders Lage und Publikum bei schlechterem Wetter: Dann wird das Inselbad überwiegend von älteren Leuten besucht. "Viele Senioren gehen unwissentlich über ihre Kräfte hinaus, reißen - auch wenn sie längst schon am Ende sind - nochmals 1000 Meter runter und kollabieren dann in der Dusche", weiß der Inselbad-Leiter.
Für eine Erstversorgung sorgen die Bademeister zunächst selbst, während ein Krankenwagen angefordert wird. Am Wochenende ist das Rote Kreuz (DRK) ohnehin im Inselbad, ebenso die Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG) mit Freiwilligen, die die sechs regulären Bademeister von Schwimmbadleiter Donert unterstützen. Auch in den anderen städtischen Freibädern sind DLRG und DRK präsent.
In Stuttgarts Freibädern - egal ob in Möhringen, Untertürkheim, Vaihingen oder auf dem Killesberg - ereignen sich zumeist nur Bagatellunfälle. "Insektenstiche, Schürfwunden oder mal ein verstauchtes Bein", so Donert. Diesen Sommer bekam allerdings ein Mann im Killesberg-Freibad einen Herzinfarkt. Donert ist seit 2002 Schwimmbadleiter, der letzte tödliche Unfall ereignete sich vor seiner Zeit, Ende der 90er Jahre: "Toi, toi, toi!", sagt er und klopft auf Holz.
Dennoch sind die Bademeister von morgens bis abends voll im Einsatz: "Wir müssen häufig ins Wasser springen", erzählt Bademeister Harald Kastner. "Letzte Woche ist beispielsweise ein Junge, der nicht schwimmen konnte, vom Fünfmeterbrett gesprungen und abgesunken." Ein anderes Kind habe sich unter der Wasserrutsche versteckt und so getan, als sei es am Ertrinken. "Da schoss eine ganz schöne Menge Adrenalin durch meinen Körper, zumal im Sommer 2008 im Waiblinger Freibad ein kleines Mädchen im Hohlraum zwischen Beckenrand und Rutschbahnende ertrunken ist."
Dass sich Schwimmgäste, überwiegend jüngeren Alters, tot stellen und auf dem Wasser treiben lassen, kommt immer wieder mal vor. "Das finden die total lustig", klagt Kastner, der mit seiner Trillerpfeife immer wieder übermütige Jungen und Mädchen, die im Wasser raufen, zur Ordnung rufen muss. Unverantwortlich findet er aber auch das Verhalten vieler Eltern: "Die denken, Bademeister seien Kindergärtner, und lassen ihre Kleinkinder im Babybecken planschen. Sie selbst gehen ein Bier trinken oder spielen mit Freunden Volleyball." Und Donert ergänzt: "Zehn-, zwölfmal am Tag holen wir weinende Kinder aus dem Wasser, die nicht wissen, wo ihre Eltern sind - da steigt einem die Zornesröte ins Gesicht."
Dankbar ist der Inselbad-Leiter daher vor allem für die Unterstützung des DLRG an den Wochenenden im Kleinkindbereich: "Mehr Augen sehen auch mehr. Es wäre der Super-GAU, wenn ein Mädchen oder Junge im Bad ertränke." Die größeren Gefahren lauern aber in Seen und Flüssen. Die DLRG ist mit ihren Ehrenamtlichen samstags und sonntags zwar auch an größeren Gewässern präsent, aber nicht an allen. Kürzlich konnte eine Frau von der Rettungswacht nach einem Segelunfall auf dem Max-Eyth-See vor dem Ertrinken gerettet werden.
Von den 47 Menschen, die im Jahr 2008 in Württemberg ertranken, fanden 15 in Seen und 25 in Flüssen den Tod. Die große Mehrheit davon war männlich. "Viele Männer sind zu wagemutig", sagt Harald Weith von der DLRG Württemberg. Seit 2008 beobachte er einen neuen Trend: "Junge Menschen, meist reichlich angetrunken, springen von Brücken in den Neckar, einfach nur zum Spaß, und lassen ihr Leben im Fluss."
Michaele Heske