Stuttgart - Wer einkaufen geht, hat meist klare Vorstellungen davon, was er braucht. Doch manchen Geschäften und Dienstleistern reicht das nicht mehr. Immer häufiger versuchen sie, den Kunden an der Kasse zusätzliche Produkte zu verkaufen. Verbraucherschützer warnen davor.
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Wer etwa bei der Post nur schnell einen Brief abgeben will, könnte bereits wenige Minuten später stolzer Besitzer eines neuen Girokontos sein. Beispielsweise in Degerloch. Weil der Briefmarkenautomat vor der Tür keine Scheine akzeptiert, führt der Weg an den Schalter. Eine Kleinigkeit. Sollte man meinen.
Noch bevor sie die wenigen Cent für die Briefmarke kassiert hat, beginnt die freundliche Mitarbeiterin ein Gespräch. "Wo haben Sie eigentlich Ihr Girokonto?", möchte sie wissen. Der Kunde entgegnet, dass er ihr das nicht verraten möchte, aber durchaus zufrieden sei. Die Dame lässt sich davon nicht irritieren. "Ist es denn kostenlos?", hakt sie nach. Auch das, lässt man sie wissen, möchte man hier nicht diskutieren. "Bei uns bezahlen Sie nichts", sagt sie, "ein Wechsel lohnt sich." Erst nach mehrmaliger Ablehnung gibt sie nach - und wendet sich der nächsten Kundin zu. Die ältere Dame, die lediglich ein Paket abgeben möchte, ist von der Frage nach ihrem Girokonto sichtlich überrumpelt und lässt sich die Vorzüge der Postbank erläutern.
Immer häufiger preisen Geschäfte und Dienstleister ihren Kunden an der Kasse zusätzliche Produkte in warmen Worten an. Nicht immer geht es dabei gleich um Bankkonten, oft handelt es sich um Kleinigkeiten, die man ohne großes Nachdenken noch schnell mitnehmen soll. An der Tankstelle gibt es beim Bezahlen nicht nur die Frage nach Payback- oder ADAC-Karte, sondern nur heute auch drei Brezeln zum Preis von zwei oder gleich einen Fußball für ein paar Euro. In der Schreibwarenkette McPaper lässt sich kein Einkauf tätigen, ohne an der Kasse noch Radiergummis oder Stifte angeboten zu bekommen.
Die Methode hat System und lohnt sich für die Unternehmen. Bei der Postbank etwa gibt man unumwunden zu, dass die Mitarbeiter dazu angehalten werden, die Kunden zu bearbeiten. "In unseren Finanzcentern sprechen wir unsere Kunden natürlich auf unsere Leistungen an", sagt Unternehmenssprecher Ralf Palm, "viele wechseln danach zur Postbank." Überrumpelt werde dabei niemand, stattdessen "bemerken die Leute die Vorzüge".
Das sehen Verbraucherschützer anders. Unzulässig sei die Methode zwar nicht, aber durchaus bedenklich, so Eckhard Benner. "Das ist eine erweiterte Form der Überredung", sagt der verbraucherpolitische Sprecher der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Die Unternehmen nutzten die Situation, um Kaufanreize zu setzen. Wichtig, so der Experte, sei die Frage nach dem Widerspruchsrecht. Darauf müsse der Kunde ausführlich hingewiesen werden. Dann könne man im nachhinein wenigstens von einem Vertrag zurückzutreten. Bei einer Brezel mag das reine Theorie sein, bei einem Bankkonto dagegen könnten nach der Unterschrift durchaus Zweifel aufkommen. Wo man doch eigentlich nur einen Brief abgeben wollte.
Jürgen Bock
Lesermeinungen
09.09.2009 14:13
Autor: Norbert Fricke
Herrn Ralf Palm, Postbank:
Es ist sicher NICHT legitim, dass bei gezielter ausschließlicher Inanspruchname von Paket- oder Briefdienstleistungen des Kunden-Vertragspartners DHL/Post der Kunde regelmäßig in penetranter Weise über sehr private Bankdetails ausgefragt wird, nur um die tägliche Cross-Selling-Zielvorgabe zu erfüllen.
Oder würden Sie gerne in einer Apotheke, nachdem Sie eine Verschreibung eingelöst haben, jedes Mal gefragt werden "Welche Kondommarke benutzen Sie?", weil der Apotheker zur Umsatzsteigerung gerne weitere Produkte aus seinem Drogeriesortiment verkaufen möchte?
Eine solche Apotheke würde ich nur ungerne wieder besuchen. Das gleiche gilt für die Post: Um diese belästigende Ausfragerei zu umgehen, gehe ich nun regelmäßig zum Hermes- und DPD-Paketshop, um meine Pakete ungestört und ohne Wartezeit zu versenden.
08.09.2009 14:05
Autor: A. Schmidt
Die Schuhverkäuferin will Mittel zur Lederpflege verkaufen; die Metzgerin fragt "Derf's a bissle meh sei?" und empfiehlt gleich den Sonntagsbraten oder die neueste Wurst - und die Postbank versucht neue Kunden zu gewinnen.
Der Verkauf von Zusatznutzen ist gang und gäbe in letzter Zeit - leider.
Wer höflich, aber bestimmt die Fragen ablehnt, wird zu nichts überredet oder gar übertölpelt. Was ich nicht brauche, zu dem kann ich auch nicht überredet werden.
Fragen ist erlaubt - manchmal wundert es einen eben nur, wenn die Fragerei penetrant wird - oder aber in Anbetracht der Warteschlange hinausgezögert wird.
Hier hilft oftmals ein bßchen Menschlichkeit - auch bei den Chefs : denn meistens können die Damen und Herren an den Schaltern oder Kassen nicht anders - denn sie müssen diese Dinge abfragen.
Da finde ich die "Profi-Sammler" für Tierheime oder caritative Einrichtungen um einiges schlimmer und aufdringlicher.
Und mit ein bißchen Verständnis auf beiden Seiten (Verkäufer / Kunde) wäre das Leben um einiges leichter.
08.09.2009 12:14
Autor: Ralf Palm, Postbank
Sehr geehrte Damen und Herren,
Aufgrund Ihres Beitrags möchte ich gerne eine kleine aber entscheidende Unstimmigkeit aufklären. Sie schreiben: "Wer etwa bei der POST nur schnell einen Brief abgeben will, könnte bereits wenige Minuten später stolzer Besitzer eines Girokontos sein". Fakt ist: In Ihrem geschilderten Fall hat der Redakteur ein Postbank Finanzcenter aufgesucht. In diesen bietet die Postbank neben der Produktpalette der Postbank auch das Dienstleistungsangebot der Deutschen Post an. Wir erachten es deshalb als legitim, dass wir die Kunden beim Besuch eines Postbank Finanzcenters auf die Leistungen der Postbank ansprechen. Diese Vorgehensweise finden Sie in allen Bereichen des täglichen Lebens. Und ist es in Ihrer Branche nicht auch üblich, Passanten in Einkaufszentren, Fußgängerzonen, Straßenfesten etc. auf die Vorzüge der "Stuttgarter Nachrichten" anzusprechen?