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Internet

Lehrer 2.0 hat sein Klassenziel verfehlt

13.09.2009 - aktualisiert: 13.09.2009 20:55 Uhr

Computer
Foto: dpa

Das Internet bietet auch für Pädagogen verschiedene Plattformen - Schülern fehlen Medienerziehung und Verantwortungsgefühl
 

Stuttgart - Die Kids von heute simsen, chatten, bloggen und twittern, was das Zeug hält. Sie bewegen sich in SchülerVZ, Facebook, Flickr, You Tube und Spickmich. Die Lehrer schauen sich das Geschehen meist nur aus der Ferne an und wissen nicht, was hinter den Kulissen passiert. Wer sich als Pädagoge nicht aus eigenem Antrieb mit dem Web 2.0 befasst, bleibt hinter dem Wissen seiner Schüler zurück. "Die Lehrer sind zum großen Teil überfordert, weil sie nur noch die Rücklichter des Zugs sehen", findet die Berufsschullehrerin Sieglinde Jakob-Kühn, die viele technische Neuheiten und Web-2.0-Anwendungen auf ihre Tauglichkeit für den Einsatz im Unterricht prüft und integriert. Sie hat mittlerweile ein großes Social Network mit vielen Experten aus dem Bildungsbereich aufgebaut und betreibt mehrere Blogs und E-Portfolios. Mit 59 Jahren gehört sie zu den ältesten twitternden Lehrern Deutschlands und kann nicht verstehen, warum ihre Kollegen auf diese wertvollen pädagogischen und didaktischen Zusatzinformationen verzichten: "Durch das Twittern könnten sie sich viel Einzelarbeit ersparen, denn sie erhalten Informationen aus dem In- und Ausland ins Haus geliefert."

Ob sich Lehrer in Online-Communities austauschen, Forenbeiträge schreiben, bloggen und twittern, hängt mehr von der Persönlichkeit ab als vom Schulfach oder Alter. "Es sind nicht zwingend die Mathematiker und Naturwissenschaftler, die sich damit auskennen", sagt Uwe Kohnle. Vielmehr ginge es darum, nach innovativen Unterrichtsmethoden zu suchen. Kohnle hat sich von seinem Lehramt beurlauben lassen, um Software zu entwickeln, mit der sich ohne Programmierkenntnisse Lernmodule erstellen lassen. Trotz der einfachen Bedienung hält sich die Resonanz in Grenzen.

Viele Lehrer verzichten auf Zusatzinfos aus dem Web

Dass Lehrer technikfeindlich und veränderungsresistent sind, ist zwar ein Beamtenklischee, aber offenbar trifft es immer noch zu: "Die Arbeit mit den neuen Medien im Unterricht ist eine vergleichsweise junge Anforderung an die Lehrer. Sie entspricht nicht der Ausbildung und schlägt sich nicht in Prüfungen nieder", erklärt Werner Müller, Pädagogischer Leiter des Informatik-Instituts der Fernakademie für Erwachsenenbildung, die seit ein paar Monaten eine Lehrerfortbildung zur multimedialen Unterrichtsgestaltung anbietet. Besonders groß ist der Andrang nicht - es haben sich gerade mal 25 Teilnehmer angemeldet.

Bei vielen Lehrern fehlt sogar die Bereitschaft, Office-Anwendungen als Arbeitsmittel einzusetzen - geschweige denn virtuelle Klassenzimmer und Lernplattformen wie Moodle. "Mich nannte man früher Miss PowerPoint", schmunzelt Jakob-Kühn, "jetzt bin ich die Moodle-Tante, und das wird wieder belächelt." Ihr Jahrgang kam im Studium damit nicht in Berührung, aber selbst heutige Referendare, die mit dem Internet aufgewachsen sind, kennen sich mit Web 2.0 und Lernplattformen erstaunlich wenig aus.

Dabei gibt es so viele sinnvolle Einsatzmöglichkeiten im Schulalltag. Schüler könnten ein Thema gemeinsam bearbeiten, im Internet recherchieren und ihre Ergebnisse in einem Wiki für die ganze Klasse zugänglich machen. Und Projekte lassen sich online über sogenannte Mindmaps planen. Jakob-Kühn verteilt in ihrem Englischunterricht längst keine Vokabellisten mehr. Ihre Berufsschüler müssen die fachbezogenen Begriffe selbst suchen und ins Glossar ihres virtuellen Klassenzimmers eintragen. Probleme und Fragen werden zeitnah in einem Forum geklärt. Videos, Podcasts und Online-Zeitungsartikel sorgen dafür, dass der Unterricht immer aktuell ist - ein Lehrbuch setzt Jakob-Kühn in ihrem Englischunterricht schon seit drei Jahren nicht mehr ein.

Müller schlägt weitere Beispiele vor: "Man könnte Schüler in Arbeitsgruppen einteilen, die ihre Lernergebnisse in einem Blog besprechen. Dann bewegen sie sich in einem vertrauten Medium, was ihre Motivation erhöht." Die Aufgabe in einer Geografiestunde könnte etwa lauten, sich über Äquatorregionen kundig zu machen. Zunächst legt die Lehrkraft Material für den Einstieg ab, aber dann erschließen sich die Schüler weitere Recherche-Quellen. Wichtig dabei ist, dass der Administrator der Schule keinen Mehraufwand hat.

Umsetzung des Medienentwicklungsplans wird nicht eingefordert

Wie intensiv Lernplattformen und andere Medien eingesetzt werden, hängt stark von der Unterstützung der jeweiligen Schulleitung ab: "Es gibt zahlreiche Initiativen seitens der Länder, aber die Umsetzung des Medienentwicklungsplans wird von vielen Schulen oft nicht eingefordert", bedauert Jakob-Kühn. Stattdessen herrsche noch das alte Einzelkämpfertum: "Wer bereit ist, sich für neue Medien und Lernformen zu engagieren, braucht vor allem die entsprechenden Netzwerke."

Berthold Metz steckt viel Energie in seine Webseite "Lehrerfreund", die im Jahr 2000 online ging. Seit 2004 betreibt er zusätzlich einen Blog. "Die meisten Artikel sind von mir", sagt er. Dass die Integration neuer Medien in den Unterricht so schleppend vorangeht, liege vor allem am Aufwand und an der Vorbildung: "Wer richtige Konzepte erstellen will, hat ordentlich was zu arbeiten und muss sich mit der Technik auskennen."

Nach seiner Erfahrung wüssten aber viele ältere Lehrer nicht einmal, wie man einen Text einscannt, eine Webadresse eingibt, ein Word-Dokument abspeichert oder ein Bild verkleinert. "Die Lehrer haben große Angst davor, von der Klasse ausgelacht zu werden", so Metz. Die Folge: Sie schnippeln ihre Arbeitsblätter auch weiterhin aus Papier zusammen. Wer keine Scheu vor den neuen Medien hat, scheitert nicht selten an der Technik: "Es gibt zu wenige Computerräume, und die fahrbaren Klassenzimmer werden von extern installiert und gewartet", so Metz. Da komme es vor, dass Software-Updates nicht installiert sind oder einige Laptops oder Headsets nicht funktionieren.

Berührungsängste entstehen aus schlechten Erfahrungen

Berührungsängste entstehen auch aus schlechten Erfahrungen: Die Lehrer stellen beispielsweise fest, dass ihre Schüler Musterlösungen aus dem Internet klauen. Oder sie ärgern sich über die Kommentare zu ihrem Unterricht auf der Lehrer-Bewertungsseite Spickmich. Manchmal werden sie zu Opfern übler Streiche, die mit dem Handy gefilmt und wenig später in You Tube veröffentlicht werden. Wer einmal in einer demütigenden Videosequenz einem Millionenpublikum präsentiert wurde, steht mit Social Software und Communities auf Kriegsfuß.

"Für viele Lehrer sind solche Vorfälle ein Grund, das Web 2.0 pauschal zu verteufeln", bedauert Jakob-Kühn. Dabei liege das Problem ganz woanders: "Den Schülern fehlen die Medienerziehung und das Verantwortungsgefühl." Deshalb steht in ihrem Unterricht ein intensives Training zum Rechtsbewusstsein auf dem Stundenplan: "Die Jugendlichen müssen lernen, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist und dass sie geistiges Eigentum und Persönlichkeitsrechte zu respektieren haben." Viele Schüler gingen davon aus, dass sie alles, was sie im Web finden, einfach übernehmen und verwenden dürften. "Das ist kein technisches Problem, sondern hat mit Sozialisation und Medienpädagogik zu tun." Wer bei ihr eine Arbeit abgibt, muss vollständige Autoren- und Quellenangaben liefern. Auch die Lehrer müssen aufpassen: Zeitungsausschnitte und Schulbücher, die sie im realen Unterricht verwenden dürfen, können sie nicht einfach als Arbeitsmaterial ins Internet stellen - dazu brauchen sie die Genehmigung der Verlage.

Kohnle bringt noch einen anderen Punkt zur Sprache: "Medienerziehung ist auch wichtig, um Schülern den Unterschied zwischen redaktionellen Beiträgen und Werbung aufzuzeigen, denn der ist auf den ersten Blick kaum erkennbar." 99 Prozent aller Schüler könnten Nachrichten nicht von Anzeigen unterscheiden, was daran liege, dass sie sich in der Form nicht unterscheiden.

Dann bricht er aber doch noch eine Lanze für die Lehrer: "Ohne es zu wissen, haben viele Lehrer bereits Web 2.0 praktiziert, denn User-generated Content und eine lebhafte Online-Kommunikation gab es schon vor dem Begriff Web 2.0", erinnert sich Kohnle und verweist auf die Zentrale für Unterrichtsmedien (ZUM). Diese Lehrerinitiative besteht bereits seit elf Jahren. Die Plattform 4teachers gibt es seit sieben Jahren, und sie zählt heute über 500.000 Mitglieder. "Dort findet man zahlreiche Web-2.0-Elemente. Die Lehrer tauschen Material und Tipps aus, bloggen, chatten, diskutieren Fragen und vieles mehr", so Kohnle. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Lehrer einen pädagogischen und didaktischen Auftrag jenseits des Internets haben.

Im Internet finden nicht nur Schüler eine Menge Informationen, auch für Lehrer gibt es nützliche Adressen:

www.4teachers.de
www.lehrerfreund.de
www.lehrer-online.de
www.super-lehrer.de
www.schulezwonull.de
www.lehrerdialog.de
www.blog.initiatived21.de
www.schulbuchzentrum-online.de
www.lehrerforum.de
lehrerblog.jugend-und-bildung.de
maschendraht.mixxt.de
www.lernmodule.net
www.internetlehrer.de
www.school-networking.de
www.webquests.de
www.zum.de
 

StZ/StN