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Jochen Distelmeyer

"Das war immer ich in den Liedern"

24.09.2009 - aktualisiert: 25.09.2009 09:28 Uhr

Distelmeyer
Foto: promo
Das Blumfeld-Album "Ich-Maschine" hat 1992 der deutschsprachigen Rockmusik zu einem neuen Vokabular verholfen. 2007 aber löste Jochen Distelmeyer Deutschlands wichtigste Band überraschend auf. Am 25. September kehrt er mit dem Solodebüt "Heavy" zurück.

Herr Distelmeyer, was können Sie als Jochen Distelmeyer machen, was Sie als Blumfeld nicht machen konnten?

Weiß ich noch nicht. (Lacht) Dazu mache ich das noch nicht lange genug. Nach der Tournee, die wir zu "Verbotene Früchte" gemacht haben, und als ich so die Zeitspanne von "Ich-Maschine" bis "Verbotene Früchte" überblicken konnte, wurde mir das, was vorher eher so eine gespürte Ahnung war, klar: dass sich mein Selbstverständnis als Musiker und Mensch gewandelt hatte. Dass für mich "Verbotene Früchte" ein perfekter Abschluss eines über sechs Alben gehenden Musikmachens war - und dass dieser sehr lange Song nun zu Ende geschrieben war. Es fühlte sich einfach richtig an, von diesem Punkt aus allein weiter zu gehen. Egal, wohin es mich führt.

"Einsamsein ist keine Kunst" singen Sie nun im sehnsüchtigen Popsong "Lass uns Liebe sein". Entblößen Sie sich in Ihren Liedern mehr, nachdem Sie sich nicht mehr hinter dem bei Kafka geborgten Namen Blumfeld verstecken?

Man macht dadurch kenntlicher, dass das, was man da singt, aufrichtig gemeint ist. Das war es vorher jedoch auch schon. Das war immer ich in den Liedern. Dies ist aber jetzt vielleicht sichtbarer, wenn kein Bandfamilienname drübersteht, sondern mein Eigenname.

Sie geben sich auf "Heavy" mal sanft, mal zornig, singen ein bisschen vom Hass und von viel der Liebe: Auf der Platte herrscht ein ziemliches Durcheinander.

Also ich empfinde sie als sehr homogen. Ich kann aber verstehen, dass man das Kontrastreiche und die stilistischen Unterschiede als heterogen wahrnimmt. Für mich macht auch der Titel "Heavy" klar, dass das Album sehr geschlossen ist: Nicht nur die offensichtlichen harten Nummern, sondern auch die soften empfinde ich eigentlich als "heavy".

Die Platte ist an vielen Stellen ein Trennungsalbum. Ist die Auflösung von Blumfeld mit einem Beziehungsende vergleichbar. Fiel das Ende tränenreich aus?

Ne, das Ende war weder tränenreich noch schmerzhaft. Das war, wie ich fand, ein sehr schöner, guter, behutsamer Weg des Loslassens. Und ich weiß nicht, ob die Platte wirklich zentral eine Trennungsplatte ist. Mir geht es bei vielen Liedern eher darum, dass man zu einer anderen Klarheit vorgedrungen ist.

Aber auch das ist doch eine Art der Trennung. Weil man sich da von alten Vorstellungen verabschieden muss.

Ja, das stimmt. Ich glaube, wir alle machen im Laufe unseres Lebens allein oder als Teil von Gemeinschaften die Erfahrung, dass bestimmte Bilder, Träume, Illusionen, Muster oder Vorstellungen irgendwann nicht mehr an den Dingen, Menschen oder Erlebnissen, auf die wir sie projiziert haben, haften bleiben. Wir sind dann zurückgeworfen auf die in uns wirkenden Kräfte, Widersprüche und die unerkannten Dinge in uns. Vormals für Wertpapiere gehaltene Zertifikate, die sich als Schuldscheine herausgestellt haben, taugen in diesem Moment des Erkennens nicht mehr als Projektionsflächen. Die sucht man sich dann woanders. Menschen können nicht leben, ohne das Unverstandene in etwas Sinnvolles zu verwandeln, indem sie Vorstellungen darauf projizieren. Und davon handelt die Platte.

Ziehen Sie sich auf "Heavy" nicht auch ein wenig ins Private zurück?

Würde ich nicht sagen. Ich habe immer Songs über das geschrieben, was mich berührt hat, was ich zu fassen bekommen wollte. Daran hat sich nichts geändert.

Aber während die Musik von Blumfeld früher gerne als Diskurspop bezeichnet wurde, scheint nun die gesellschaftliche Wirklichkeit in einigen Songs in den Hintergrund zu treten. "Murmel" hat dann zum Schluss sogar etwas wohlig Selbstgenügsames, Altersmildes.

Aber "Murmel" ist nicht das letzte Lied, das ich geschrieben habe, das ich schreiben werde. Klar, gibt es Momente, in denen man glaubt, man habe etwas kapiert, in denen man denkt, bestimmte Sachen hätten sich geklärt. Aber ich gehe nicht davon aus, dass das so bleiben wird. (Lacht) Muss es auch nicht, das Leben ist dadurch spannender.
 

Gunther Reinhardt