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Fette Kinder

Europa geht gegen Dickmacher vor

Foto: dpa

Brüssel. Europa steht vor einem - im doppelten Sinne - zunehmenden Problem: 22 Millionen Kinder wiegen mittlerweile mehr, als gut für sie ist. Fünf Millionen Jungen und Mädchen sind sogar fettleibig. Die EU-Kommission ist darüber besorgt, zumal Übergewicht und ungesunde Ernährung das Risiko von Diabetes und Herz-Kreislauf-Störungen schon bei jungen Menschen erhöhen - und sogar von frühem Knochenschwund.

EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel hat deshalb am Montag eine europaweite Aufklärungskampagne gestartet, die sich vor allem an Schulkinder richtet. Dazu zählen Informationsbusse, die durch halb Europa touren, ebenso wie eine interaktive Internet-Seite, auf der Kinder über eine Schatzsuche einiges über gesunde Ernährung lernen können. Zudem setzt die EU-Behörde auf den Einsatz sportlicher Vorbilder für die Initiative - etwa die belgische Tennisspielerin Justine Henin. "In zu vielen Gegenden Europas gehören Fritten zu fast jedem Essen und zuckerhaltige Getränke zu den typischen Durstlöschern", heißt es.

Besorgniserregend sind vor allem die Zahlen aus dem Süden Europas. So liegen Spanien und Malta europaweit vorne, wenn es um den Anteil übergewichtiger Jungen und Jugendlicher geht. Fast jeder Dritte ist übergewichtig. In Deutschland sind es im Vergleich dazu deutlich weniger dicke Jungen, der Anteil liegt bei rund 20 Prozent. Bei den Mädchen alarmieren die Zahlen vor allem aus Griechenland und Portugal, bei den weiblichen Jugendlichen beunruhigen auch die Daten aus Großbritannien und Irland. Deutschland zählt auch hier - gemeinsam mit den Niederlanden, Dänemark und einigen osteuropäischen Ländern - zu den Staaten, die im direkten Vergleich etwas besser dastehen.

Bei Briten und Iren korrespondieren die hohen Anteile an dicken Kindern mit dem im EU-Vergleich äußerst geringen Verzehr von Früchten. Gerade einmal 100 Gramm Obst nehmen die Menschen in London oder Dublin pro Tag zu sich, in Deutschland sind es immerhin 182 Gramm, wobei auch hier einige nationale Datenerhebungen bereits einige Zeit zurückliegen. Die EU-Kommission sieht sich deshalb in ihren beiden zentralen Programmen für eine gesündere Ernährung von Schulkindern bestärkt. Zum einen spendiert Brüssel für die Förderung der kostenlosen Ausgabe von Schulobst 90 Millionen Euro. Deutschland hat, nach längerer Diskussion zwischen Bund und Ländern über die Mitfinanzierung, vor wenigen Tagen die Voraussetzung dafür geschaffen, dass auch deutsche Schulen von EU-Subventionen profitieren können. Zum anderen sponsert die EU mit 55 Millionen Euro ein Schulmilchprogramm, unter dem auch beliebte Mischgetränke wie Milchshakes ausgegeben werden.

Um die Verbraucher besser vor irreführender Werbung für angeblich gesunde Lebensmittel zu schützen, hat die EU-Lebensmittel-Aufsichtsbehörde gerade mehrere Hundert Versprechen untersucht, mit denen Anbieter von Essen und Getränken für ihre Produkte werben, zum Beispiel "steigert die Konzentrationsfähigkeit". In den nächsten Tagen wollen die Experten bekanntgeben, wer dabei unverfroren schummelt und wer nicht. Noch in Vorbereitung befinden sich derweil Regeln für sogenannte Nährwertprofile, die verhindern sollen, dass Kunden getäuscht werden, weil sie bei einigen Leckereien nur auf die positiven Aspekte der Ernährung hingewiesen werden ("reich an Vitaminen"), nicht aber den überhöhten Fett- oder Zuckergehalt.
 

Detlef Fechtner

25.01.2010 - aktualisiert: 25.01.2010 16:02 Uhr