Leonberg - Im Seehaus bei Leonberg läuft ein Modellprojekt im Jugendstrafvollzug. Tobias Merckle, Geschäftsführer des Trägervereins Prisma, gibt Kriminellen eine zweite Chance. Die Rückfallquote ist geringer als bei Gefängnisinsassen, doch der Aufwand, den Merckle und sein Team betreiben, ist auch enorm.
Herr Merckle, sind Sie ein Hoffnungsträger?
Ich versuche, Hoffnung zu vermitteln. Ich habe sehr viele Leute um mich herum, die das mit mir gemeinsam tun. Und ich habe die Jugendlichen hier im Haus. Sie hatten bisher keine Hoffnung, sind jetzt aber auch Hoffnungsträger.
Wir fragen, weil der Altpietistische Gemeinschaftsverband Sie gerade als Hoffnungsträger 2009 ausgezeichnet hat. Mit welcher Begründung?
Dass wir uns für Jugendliche einsetzen. Dass wir versuchen, Alternativen im Umgang mit Jugendkriminalität aufzuzeigen. Damit geben wir den Jugendlichen und der Gesellschaft Hoffnung.
Sie versuchen, Jugendliche zu bessern. Das Projekt trägt den Namen Chance. Was für Straftäter bekommen bei Ihnen eine Chance?
Im Prinzip alle, die eine Jugendstrafe ohne Bewährung bekommen haben. Ausgeschlossen sind Sexualdelikte. Sonst ist es wichtig, dass die Jugendlichen ihr Leben ändern und ein neues Leben ohne Straftaten anfangen wollen.
Was erwartet die jungen Leute im Seehaus?
Zum einen nehmen wir sie in eine Familie auf. Viele kennen kein funktionierendes Familienleben und erfahren hier zum ersten Mal Liebe und Geborgenheit. Zum anderen erwartet sie aber ein sehr stressiger Tagesablauf. Von 5.45 Uhr beginnend mit Frühsport bis abends 22 Uhr ist volles Programm. Das ist Stress pur für die Jungs.
Wie sieht der Alltag aus?
Hausputz, Schule, Arbeit, Sport, gemeinnützige Arbeit, Wiedergutmachung, soziales Training. Sie können im Holz- und Baubereich das erste Lehrjahr absolvieren. Metall kommt bald dazu. Sie renovieren das 400 Jahre alte Seehaus, wir haben aber auch Außenaufträge. In der Schreinerei machen wir Möbel. Sie werden verkauft. Das ist wichtig, weil die Jugendlichen damit Kundenkontakt bekommen.
Wie viele Jugendliche hat das Seehaus-Team schon betreut?
Mit den zwölf, die jetzt hier sind, 60.
Also haben bisher 48 das Programm durchlaufen. Wie viele sind straffrei geblieben?
Die Zahl stimmt so nicht. Circa ein Drittel ist zurück ins Gefängnis gegangen. Einige haben wir zurückgeschickt, anderen war's zu stressig. Da dies oft aus einer Kurzschlussreaktion erfolgt, bieten wir ihnen aber auch eine Nachbetreuung an. Von denen, die es ganz durchgezogen haben, ist jeder Fünfte wieder straffällig geworden.
Welche Rückfallquote hat der normale Jugendstrafvollzug?
Bundesweiter Durchschnitt ist 78 Prozent. Aber das kann man nicht mit unseren 20 Prozent vergleichen. Wir können uns die Jungs aussuchen, wir können sie zurückschicken. Aber klar ist, wenn unsere Jugendliche im normalen Strafvollzug wären, dann hätten sie eine schlechtere Ausgangsposition.
Der Aufwand, den Sie hier betreiben, ist enorm. Drei Hauseltern, drei Sozialpädagogen, sechs Mitarbeiter für die Ausbildung, Haushaltshilfen und Zivildienstleistende. Woher nehmen Sie das Geld?
Wir bekommen Tagessätze aus dem Justizhaushalt. Das sind 203 Euro. Im Vergleich zum Jugendstrafvollzug ist das relativ teuer. Dort kostet ein Platz 130 Euro. Vergleichbare Jugendhilfeeinrichtungen kosten jedoch bis zu 260 Euro. Unsere Tagessätze reichen für die laufenden Kosten. Aber nicht für Investitionen. Da sind wir auf Spender, Sponsoren und Stiftungen angewiesen.
Kritiker könnten jetzt sagen, Sie wenden reichlich viel Geld für Kriminelle auf. Was sagen Sie?
Das ist viel Geld, das ist richtig. Aber was ist, wenn wir es nicht in die Jugendlichen investieren?
Sie beantworten die Frage sicher selbst.
Wenn wir sie sich selbst überlassen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie wieder straffällig werden. Die Investition lohnt sich, nicht nur für die Jugendlichen. Jeder, der nicht rückfällig wird, ist schon aus rein finanziellen Gründen ein wahnsinniger Gewinn für die Gesellschaft.
Wir erleben gerade wieder furchtbare Gewalttaten von Jugendlichen. In München wurde ein Mann umgebracht, der sich schützend vor Kinder stellte, in Böblingen ist ein Tourist grundlos übel zusammengeschlagen worden. Glauben Sie, dass härtere Strafen brutale Schläger abschrecken würden?
Härtere Strafen bringen meiner Meinung nach nichts. Konsequente Strafen, ja. Es ist wichtig, dass der Jugendliche Sanktionen bekommt. Aber er überlegt sich nicht, ob er drei oder sieben Jahre für die Straftat kriegt.
Was sind für Sie konsequente Strafen?
Sanktionen, die sehr zeitnah erfolgen, am besten in Form von Wiedergutmachung. Das muss sehr früh anfangen, schon beim ersten Ladendiebstahl. Ich meine, dass manche kriminelle Karriere im Keim erstickt würde, wenn man das ganz konsequent machen würde. Noch wichtiger ist es, mehr Gewicht auf die Prävention zu legen. Unter anderem also Früh- und Sprachförderung, Stärkung der Familien, Vermittlung von Werten und Normen, Perspektiven aufzeigen und Berufschancen steigern, Vereinsleben und positives Freizeitverhalten fördern.
Sie haben im Seehaus auch einen Kindergarten mit 20 Plätzen eingerichtet. Passt das zusammen?
Es passt zusammen, weil der Bedarf von den Hauseltern da ist. In der Stadt gab es auch zu wenige Plätze, also haben wir einen eigenen Kindergarten aufgemacht. Die Kinder und Jugendlichen begegnen sich auf dem Gelände, aber sonst gibt es keinen Kontakt.
Nach Baden-Württemberg will mit Sachsen ein zweites Bundesland jugendlichen Straftätern eine Chance geben. Sie sind auch dort der Träger. Wann und wo geht's los?
Das ist noch offen. Wir wollen im Frühjahr 2010 beginnen, müssen aber noch einen geeigneten Standort finden. Wir hoffen, dass uns die Bevölkerung gut aufnimmt.
Ulrich Hanselmann