Stuttgart - Der neue Flügeltürer von Mercedes-Benz ist in Untertürkheim angekommen. Für zehn Tage wird er auf der Dachterrasse des Konzern-Museums zu sehen sein. Ein Kran half dem Flitzer, sicher in 42 Meter Höhe anzukommen.
Fliegen kann er nicht, auch wenn er Flügel hat. Und schweben eigentlich auch nicht, gäbe es da nicht den 360 Tonnen schweren Hydraulikkran, der ihn in die Höhe zieht. Die Stärken des Mercedes-Benz SLS AMG - des neuen Flügeltürers - liegen eindeutig auf der Straße und nicht in der Luft. 571 Pferdestärken schlummern unter seiner Motorhaube, er schafft bis zu 315 Kilometer in der Stunde. Dass er dennoch für einige Minuten fliegt, liegt am Mercedes-Benz-Museum, das ihn vom 6. bis 16. Oktober auf seiner Dachterrasse ausstellt. Und da die hauseigenen Aufzüge nur bis in die siebte Etage reichen, muss der Flitzer die 42 Meter bis zur Spitze eben schwebend erledigen.
"Wir hatten hier schon Omnibusse oder Formel-1-Silberpfeile, die nicht in den Aufzug gepasst haben und auch angehoben werden mussten", sagt Martin Steinlehner, der Sprecher des Museums. "Aber der Transport bis zur Dachterrasse ist auch für uns etwas Besonderes." Wie alle Mitarbeiter beobachtet er gespannt, wie der neue Superflitzer angerollt kommt. Handys werden gezückt, Fotos gemacht. Die Lackierung des SLS glänzt in Silber, ruhig röhrt der Motor, sobald der Sportwagen zum Stehen kommt. Er sieht ein bisschen aus, wie einer anderen Epoche entsprungen: lange Motorhaube, extrem kurzes Heck, dazwischen die Flügeltüren.
Das Retro-Design ist gewollt. Für Autobegeisterte ist der SLS nämlich so etwas wie die Auferstehung einer Legende. Von 1954 bis 1957 hatte Mercedes schon mal einen Flügeltürer gebaut - den 300 SL, der in Sindelfingen vom Band lief. Damals eine Art Traumauto der Deutschen in der Zeit des Wirtschaftswunders, heute noch von vielen Fans verehrt. Die Mercedes-Tochter AMG, eigentlich auf die Veredelung von Standardmodellen spezialisiert, will nun daran anknüpfen.
Der SLS, was für "Sport Leicht Super" steht, ist ihr erstes eigenes Auto. Schon bei seiner Präsentation auf der IAA standen die Fans in Schlangen vor dem SLS, um Probe sitzen zu dürfen. Das wird auch im Mercedes-Benz-Museum möglich sein. Wie sein großes Vorbild ist der SLS jedoch kein Auto für Normalverdiener. Wenn er im nächsten Jahr in den Handel kommt, wird er rund 177000 Euro kosten.
Die Mitarbeiter der Transportfirma Scholpp wissen, welche teure Fracht sie da an ihrem Kranhaken haben. Behutsam schieben sie die Trägerstangen unter den Wagen und zurren die extrem belastbaren Nylonbänder fest, die den SLS auf seinem Metallgestell nach oben ziehen. Zuvor war zur Sicherheit der ganze Kran verschoben worden, um einen besseren Winkel zu haben - trotz zwei Stunden Mehraufwand.
Jetzt thront der Flügeltürer erst mal zehn Tage über Stuttgart, bevor es auf dem gleichen Weg zurückgeht. Hoffentlich gleichsam unfallfrei. Obwohl: Dem Ruf schadet so etwas nicht immer. 1952 kollidierten Karl Kling und Hans Klenk im großen Vorbild, dem 300 SL, mit einem Geier und gewannen dennoch die Rallye Carrera Panamericana. Im Ziel steckte das Tier noch in der Scheibe - und der 300 SL wurde zur Ikone.