Grafeneck - Silvia Thies ist zum ersten Mal hier. Zwei Stunden war die rüstige Dame mit dem Auto von Villingen nach Grafeneck unterwegs, um an der Gedenkveranstaltung am Dienstagvormittag teilzunehmen. Sie wollte dabei zu sein. Unbedingt. Denn hier, in einer inzwischen abgerissenen Scheune, ging vor 69 Jahren das Leben ihrer Tante, Anna-Bertha Lang, gewaltsam zu Ende. Vergast von Nazi-Ärzten. Verbrannt von "Desinfektoren". Ein Schicksal, das die 37-Jährige mit 10.653 Menschen teilte, die dem "Euthanasie"-Wahn der Nazis binnen eines Jahres zum Opfer fielen.
Das NS-Regime hatte die Behinderteneinrichtung auf der Alb im Oktober 1939 beschlagnahmt, um dort die "Aktion T4" zu exekutieren - die planmäßige Vernichtung von Menschen mit Behinderungen und psychisch Kranken, die als "lebensunwerte Ballastexistenzen" angesehen wurden. Es sollte die Vorstufe zum späteren Massenmord an den Juden sein. "Wo bringt ihr uns hin?", fragten die Opfer. "Wir machen einen Ausflug!", lautete die zynische Antwort der Mörder, die sie aus Heimen abholten. Der "Ausflug" führte direkt in den Tod.
Am 20. Januar 1940 begannen die Vergasungen. Mitte Dezember desselben Jahres wurde die Tötungsmaschine gestoppt; die Abgeschiedenheit von Grafeneck hatte nicht verhindert, dass das Morden bekanntgeworden war. Der Rauch des Krematoriums und die grauen Transportbusse, die wie Särge durchs Land rollten, hatten Argwohn in der Bevölkerung ausgelöst; der Zivilisationsbruch provozierte Proteste. An anderen Standorten im Reichsgebiet gingen die Morde weiter. 70.000 Leben wurden durch das "T4"-Programm ausgelöscht. Die Nazis nannten es "Gnadentod".
An diesem Dienstagvormittag steht Silvia Thies kopfschüttelnd in Grafeneck. Sie betrachtet die Holzstelen, die Schüler der Sternbergschule Gomadingen mit Kreuzen bemalt haben. Jedes der 10.654 Kreuze steht für ein Opfer. Dann fällt ihr Blick auf das Buch, das die Namen von rund 7000 Opfern enthält; den ihrer Tante findet sie nicht. Aber die Erinnerung lebt. Anna-Bertha Lang litt an Meningitis. Ihr Vater wusste sie in der Heilanstalt Rottenmünster bei Rottweil gut versorgt. Am 11. Oktober 1940 erhielt er einen Brief - aus Grafeneck. Seine Tochter sei an Blutvergiftung und Herzstillstand gestorben. Er tobte. Er schrie: "Sie haben meine Tochter umgebracht!" Für den von den Nazis begangenen Mord an seinem Kind musste er fünf Reichsmark bezahlen, angeblich die Auslagen für Spritzen. Später bekam er ein Päckchen mit ihren persönlichen Dingen zugeschickt - aber es waren nicht ihre. "Wie können Menschen so etwas tun", sagt Silvia Thies leise. "Dem gehört eine runtergehauen", ruft ein Bewohner des Samariterstifts laut. Er meint Hitler.
Seit 1947 leben in Grafeneck wieder Menschen mit Behinderungen; die Samariterstiftung setzte nach Kriegsende hier ihre soziale Arbeit fort. Ihr Vorsitzender Hartmut Fritz mahnt bei der eindrucksvollen Gedenkveranstaltung am Dienstag, Lehren aus dem Massenmord zu ziehen: "Wir müssen einschreiten, wenn anderen Unrecht geschieht." Die "Spur der Erinnerung" müsse eine "Spur der Verantwortung" sein. Der Reutlinger Landrat Thomas Reumann sagt: "Prinzipien verteidigen wir nicht in Sonntagsreden, sondern im Alltag." Und der Leiter des Dokumentationszentrums Grafeneck, Thomas Stöckle, nennt das Erinnern "Arbeit an der Demokratie".
Neben Silvia Thies sind mehrere Hundert Gäste nach Grafeneck gekommen, darunter viele Schüler, um mit Pinselstrichen die "Spur der Erinnerung" zu starten - genau 70 Jahre nachdem die Nazis das Schloss in Besitz nahmen. Sie soll Grafeneck mit dem Stuttgarter Karlsplatz verbinden, dem Ort, an dem einst die Schreibtischtäter des Innenministeriums saßen. Mehrere Monate soll die lila Farbe - Symbol für den Gegensatz von Himmel und Erde - haften bleiben.
Die Idee zu diesem Erinnerungsprojekt stammt von Harald Habich, Sozialarbeiter in Stuttgart und Vater eines behinderten Sohns. Er wollte "die Erinnerung von einem Punkt weg in einen Raum hineingeben". Der Funken sprang über, innerhalb von zwei Jahre entstand eine Bürgerbewegung für das Erinnern: 7000 Bürger werden bis Freitag die Farbspur ziehen und damit im besten Sinne des Wortes ein Lebenszeichen setzen. 160 Veranstaltungen sind entlang der Strecke geplant. Ein Fest für das Leben auf dem Stuttgarter Karlsplatz wird am Freitag den Abschluss bilden.
Jan Sellner