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Kampf um die Leser

Auf dem Balkan-Boulevard

Auch osteuropäische Boulevardblätter sind bunt und mitunter geschmacklos
Foto: dpa

Bukarest - Neues über den rumänischen Präsidenten: "Basescus Kleider stinken nach dem Alkohol, den er sich durch die Gurgel jagt." Oder diese Sätze, an die Adresse einiger Intellektueller gerichtet, die es gewagt hatten, den nationalistischen Europa-Abgeordneten Vadim Tudor zu kritisieren: "Ihr Haufen Idioten, unterschätzt Vadim nicht, sonst wird er sauer und pisst euch auf die dämlichen Köpfe!!" Starker Tobak? Nebenan, im Nachbarland Bulgarien, geht es noch derber zu: "Europa - iss Scheiße!" Willkommen auf dem Balkan-Boulevard.

Die Zitate sind Schlagzeilen zweier Blätter, die sich in dem Teil des Zeitungsmarkts tummeln, in dem die Formate klein und die Buchstaben groß sind. Verglichen mit der rumänischen Wochenpostille "Romania Mare" und dem serbischen "Kurir" sind die deutsche "Bild" oder die britische "Sun" Vorbilder dezenter Berichterstattung.

Der "Kurir" druckt mit Vorliebe auf der Titelseite Leichen, Pornobilder oder, als politischen Beitrag, ein Interview mit dem Mörder des früheren Ministerpräsidenten Dzoran Djindjic. Angebliche jugendliche Drogenhändler werden mit Namen und Foto kenntlich gemacht - obwohl die Anschuldigung jeder Grundlage entbehrt. Derzeit erfreut sich vor allem Wirtschaftsminister Mladan Dinkic intensiver Betreuung durch die Schreiber: "Dieb", "Verbrecher", "hat Milliarden geklaut", "gehört ins Lager".

Es ist noch nicht lange her, da konnte sich der "Kurir" rühmen, Serbiens auflagenstärkste Zeitung zu sein. Davon ist jetzt nicht mehr die Rede. Die Auflage - genaue Zahlen sind nicht verfügbar - dürfte bei rund 100.000 Exemplaren liegen, das ist weniger als die Hälfte einstiger Glanzzeiten. Und das, obwohl der "Kurier" wirklich billig ist: Am Kiosk kostet das Krawallblatt 15 Dinar (rund 15 Cent), weniger als die Hälfte der alteingesessenen "Politika" (35 Cent).

Wirtschaftsminister Dinkic hat ein neues Mediengesetz verabschieden lassen, das dem Verleumdungsjournalismus ein Ende machen soll. Der war zwar auch bisher verboten, doch die Strafen waren im Vergleich zur auflagenwirksamen Wirkung einer entsprechenden Schlagzeile lächerlich niedrig. Außerdem wechselte "Kurier"-Eigentümer Raja Rodic, einst publizistischer Streiter gegen Milosevic, Konten und Firmennamen so schnell, dass die Eintreiber der Bußgelder nicht hinterherkamen. Nach dem neuen Recht werden Verstöße richtig teuer.

Mittlerweile sitzt Rodic hinter Gittern, beim "Kurir" fahnden Dutzende Polizisten nach belastendem Material. Das geht auch kritischen Kollegen zu weit. "Die Inhalte von ,Kurier' widersprechen unseren Verhaltensregeln", sagt die Chefin des Serbischen Journalistenverbands UNS, Liljana Smajlovic. "Das ist kein anständiger Journalismus. Aber solange sie das Gesetz nicht brechen, verteidigen wir ihr Recht auf Berichterstattung. 50 Polizisten in der Redaktion - das ist doch Hexenjagd."

Die journalistische Dreckschleuder Nummer eins in Rumänien ist ein klar verortetes politisches Kampfinstrument. "Romania Mare" (Groß-Rumänien) gehört zur gleichnamigen Rechtsaußenpartei, Vadim Tudor ist deren Chef. Das Blatt ist offen antisemitisch, antimuslimisch und antiwestlich. Die Wertschätzung für den letzten kommunistischen Diktator Ceausescu schimmert allenthalben durch. Was kein Wunder ist, denn die Verbindungen zu dessen einstigem Geheimdienst Securitate und dem, was davon übrig ist, sind ausgezeichnet. So verfügt die Redaktion über unerschöpfliche Reserven belastender Akten, mit deren Hilfe unliebsame Politiker, Geschäftsleute oder Künstler attackiert werden.

In wie vielen Exemplaren die Anwürfe unters Volk gebracht werden, ist unbekannt. Nach Schätzungen unabhängiger Beobachter sind es höchstens 5000. Trotz seiner blutrünstigen Sprache hält sich die Zahl der Prozesse gegen das Blatt in Grenzen. Auch bei Andersdenkenden ist schon fast so etwas wie Bewunderung für den Erfindungsreichtum zu erkennen, mit dem hier politische Gegner niedergemacht werden. "Vadimund seine Leute sind meistens mit der Behauptung durchgekommen, dass sie Satire schreiben", sagt der Soziologe Mircea Kivu. "Aber wenn sie auf der Titelseite aufrufen, andere Journalisten aufzuhängen, ist das eindeutig eine Straftat."
 

Dan Alexe und Vladimir Jokanovic

21.10.2009 - aktualisiert: 21.10.2009 18:54 Uhr

 



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