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Depression, Hyperaktivität

Viele Kinder sind seelisch krank

Foto: dpa

Stuttgart - Manchmal hilft wirtschaftlicher Druck, um ein Problem zu erkennen. Als AOK-Chef Rolf Hoberg voriges Jahr die Statistiken über die psychisch kranken Kinder und Jugendlichen auf den Tisch bekam, schlug er Alarm: Fast 4100 Fälle waren dort für das Jahr 2006 verzeichnet. "Dafür gab allein die AOK Baden-Württemberg mehr als 13,4 Millionen Euro aus, das ist eine Steigerung im Vergleich zu 2005 um über 13 Prozent", so Hoberg damals.

Sind Kinder und Jugendliche überfordert? Und wer ist schuld? Eltern? Lehrer? Computerspiele?
 
 


Die neuesten Zahlen liegen noch deutlich höher: 4435 Kinder und Jugendliche wurden im vergangenen Jahr stationär in den Kinder- und Jugendpsychiatrien des Landes behandelt - ein Trend, der sich Jahr um Jahr verstärkt. Lag die Fallzahl im Jahr 1990 noch bei 1356, so war sie zehn Jahre später bereits auf 2664 gestiegen.

Doch warum müssen sie behandelt werden? Vor allem, weil sie emotionale und soziale Störungen zeigen. Bei 38 Prozent liegt diese Diagnose vor, und dazu zählt unter anderem das sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit. Soll heißen: Kinder sind hyperaktiv und können sich nicht konzentrieren. Die AOK verweist aber auch auf die zunehmende Zahl von Depressionen: Viele Kinder leiden unter Angst und Schuldgefühlen.

Bei zehn Prozent der Fälle trifft diese Diagnose zu, aber auch Ess- und Schlafstörungen waren Ursache für die stationäre Behandlung. Dass dies zum Teil mit einer erhöhten Sensibilität der Ärzte und verbesserten Diagnosemöglichkeiten zu tun hat, bestreitet auch Martin Klett nicht, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut in Freiburg und Vize-Chef der Landespsychotherapeutenkammer.

Doch das erklärt die Zunahme nur unzureichend. "Die Lebensbedingungen der Kinder haben sich verändert", sagt Klett und verweist darauf, dass auch immer mehr Erwachsene professionelle Hilfe zur Lösung ihrer seelischen Probleme in Anspruch nehmen.

"Das ist ein vielschichtiges Problem", sagt Klett. Es habe mit sozialen Veränderungen ebenso zu tun wie mit gestiegenem Leistungsdruck, dem Verlust von familiären Bindungen und mangelnder beruflicher Perspektive. Wer in einer Klinik behandelt werde, bilde jedenfalls nur die Spitze des Eisbergs, ist sich Klett sicher - und zahlreiche Erhebungen bestätigen ihn.

So hat die vom Bund in Auftrag gegebene "Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland" (Kiggs) gezeigt, dass bundesweit 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychisch auffällig und mindestens zehn Prozent behandlungsbedürftig sind. "Neue Morbidität" nennen die Fachleute dieses Phänomen, das vorrangig von Störungen der Emotionen und des Sozialverhaltens bestimmt ist - inklusive Gewalt.

Die Landesregierung reagiert darauf mit zusätzlichen Betten: "Wir bauen die Angebote in der Kinder- und Jugendpsychiatrie aus", sagt Sozialministerin Monika Stolz (CDU). Ein Kabinettsbeschluss geht von rechnerisch 823 Betten aus - wobei dieser Bedarf 2011 überprüft werden soll. Dabei sollen alle Regionen gleichermaßen zum Zug kommen. Laut Sozialministerium sind derzeit 800 Plätze an 13 Standorten fest geplant. Mit Psychotherapie allein, das betonen alle Fachleute, lässt sich das Problem jedoch nicht lösen. Es seien gesellschaftliche Anstrengungen nötig, heißt es etwa in der Kiggs-Studie, und die AOK setzt auch auf mehr Hilfe für die betroffenen Familie. Dazu müssten Krankenkassen und Jugendhilfe an einen Tisch.
 

Arnold Rieger

02.11.2009 - aktualisiert: 04.11.2009 10:53 Uhr

 


Lesermeinungen
05.11.2009 14:16
Autor: Bauch

Sind Kinder und Jugendliche überfordert? Wenn ich mich umschaue, ja! Inmitten einer völlig überforderten Gesellschaft, die gemessen an natürlicher Vernunft oder gesundem Menschenverstand vielfältig entartet. Eine Gesellschaft, die als Ziel den wirtschaftlichen Erfolg, Geld und Wohlstand in den Fokus stellt und alles daran misst. Menschen, die verlernt haben, Ihre Zeit zu ihrer und zur Zufriedenheit anderer zu nutzen. Familien, die im Zentrum der Gesellschaft von der Politik allein gelassen und mit Transfers an Kinderlose und in der Folge oft Zeitnot überfordert werden. Eltern, die ihre Kinder schon pränatal in die optimale Erfolgsbahn steuern und von Geburt an zum Erfolgsmonster drillen. Ein Schulsystem, das Deutschland nicht nur gemessen an der finanziellen Ausstattung zu den europäischen „Entwicklungsländern“ gehören lässt, aber Einsteins fordert und gnadenlos selektiert. Lehrer, die - von der Gesellschaft mittlerweile auseinander dividiert und „entrechtet“ – meist ohne Persönlichkeit und als Karikatur vor ihren Klassen stehen. Erzieher, die ihre Einrichtungen nach den ständig wechselnden neuesten pädagogischen Studien einrichten und leiten, und dabei die unveränderten Bedürfnisse der Kinder vergessen. Mich überfordert das alles, warum nicht die Kinder?

Wenn Frau Stolz als Sozialministerin einen zusätzlichen Bedarf an Therapieplätzen im Kinder- und Jugendbereich erkennt, dann muss ich innerlich bitter darüber lachen – dafür ist es aber viel zu traurig. Wir haben offensichtlich längst das Heft des Handelns aus der Hand gegeben, wenn wir von politischer und gesellschaftlicher Seite nicht an die Ursachen der Probleme herangehen, sie anscheinend nicht mal mehr erkennen. Geben wir froh und munter weiterhin das Geld für die Symptombehandlung einer kranken Gesellschaft aus, was kümmern uns die Menschen und ihre Bedürfnisse …

Meine Bitte: Lasst die Kinder wieder Kinder sein!

Aus dem Bauch heraus geschrieben.
Gäufelden


 

04.11.2009 20:32
Autor: Peixoto, Ana

Ich denke das kinder Heute Tag sind nichts überfordert, in gegenteil , sie haben vieleicht viel zu tun: schule, sport , musik unterichten;aber sie machen / tun was sie "wollen", aber nichts was sie mussen und sollen, zum lernen was Leben bedeute. Kinder brauchen von Eltern; Disziplin und Liebe, natürlich.

 

04.11.2009 13:56
Autor: Ralf Schönberger

Das gesamte Problem ist ein gesellschaftliches. Mit mehr Therapieplätzen ist es nicht getan, da nur die Folgen behandelt werden. Es geht um ein Netzwerk der Prävention, das in der Gesellschaft aufzubauen ist. Die Prävention muss nicht bei den Kindern beginnen, sondern bei den Familien und Alleinerziehenden. Diese sind Milliueübergreifend zu organisieren. Es ist erwiesen, dass Kinder aus sozial schwachen Familien viel mehr mit Alltagsproblemen (Erwachsene Kinder) zu kämpfen haben als ihre Altergenossen mit einem sozial höheren Status. In diesem Punkt ist auch Nachbarschaftshilfe gefordert. Wer sieht es zum Beispiel schon gerne, wenn der Spielkamerad (in) aus einem sozial schwachen Milliue kommt? Bleiben diese nicht unter sich? In diesem Punkt ist die Gesellschaft und jeder einzelne gefordert die Augen offen zu halten. Was spricht dagegen, so ein Kind in die eigene Familie mit einzubinden, wenn man sieht, die Eltern brauchen entlastung. Solche kleinen Aktionen fördern die Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit) des Kindes. Für diese Familien ist die Belastung der Sinnlosigkeit und Chancenlosigkeit in der Gesellschaft ein weiterer Faktor, der das Problem verschärft. Neben den Anforderungen, die die Gesellschaft heute an einen Menschen stellt. Damit stellt sich die Frage nach dem sozialverträglichen Wirtschaftssystem, das nicht auf Gewinnmaximierung aus ist, sondern dem Menschen und der Gesellschaft an sich dient. Gerade Vereine und kirchliche Jugendarbeit muss sich diesen Anforderungen stellen. Dies geschieht heute schon teilweise auch durch engagierte Mitarbeiter. Gerade in der Sinnfrage haben die kirchlichen diakonischen Einrichtungen und die christliche Jugendarbeit, durchaus neben dem sozialen Aspekt Antworten zu bieten. Die sozialdiakonische Aufgabe ist ein wesentliches Merkmal, das aus dem Glauben und der Verantwortung für den nächsten selbstverständlich erwächst. Unabhängig davon, wie die "Hilfsbedürftigen" dazu stehen.
Wir sollten als Gesellschaft auf einander achten, und weniger den Individualismus pflegen. Dies gilt ins besonderen auch für den Schutz der Ehe und ihre besondere Stellung in der Gesellschaft. Die Väter des Grundgesetzes haben diesen Punkt noch erkannt. Heute wird dieser Punkt nicht mehr so gesehen. Verantwortlich für die Erziehung der Kinder sind in erster Linie die Eltern, diese sind in erster Linie zu unterstützen, damit sie ihrem Erziehungsauftrag und ihrer Erziehungspflicht nachkommen können.
Ich musste mich mit diesem Thema bei Martin Luther auseinandersetzen. Die Zustände zur damaligen Zeit waren nicht anders. Es besteht auch ein Zusammenhang von Bildung und Erziehung. Im konkreten Fall, wie man pädagogische Massnahmen anwendet und welche Auswirkungen diese haben.
Mit dem Ruf diese Problematik auf ausgebildete Kräft zu verlagern ist es sicherlich nicht getan, da dieses nicht zu finanzieren ist. Diese sind notwendig, aber die ganze Gesellschaft steht in der Verantwortung, ob es der einzelne oder der Staat ist.

 

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