Stuttgart - Mancher vermisste bei Ex-Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer zuletzt die intellektuelle Systemkritik. Aber Distelmeyer ist immer noch ein großer Erzähler und überhaupt nicht gegenstandslos. Auf "Verbotene Früchte" singt er von Wäldern, Wiesen und Feldern, von Tieren "um uns, was wären wir ohne sie?".
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Manchmal muss man fast am Ende beginnen. Gerade noch singt das Publikum "God, I fell for you", und Jochen Distelmeyer legt seine sprechsingenden Patti-Smith-Zeilen aus "Dancing Barefoot" darüber. Und man fragt sich, wann ein älteres Publikum wohl das letzte Mal so gerne und inbrünstig mitgesungen hat. Da macht er auch schon weiter mit einem jüngst auf dem Soloalbum "Heavy" erschienenen Stück. Es heißt "Murmel" und ist vielleicht das persönlichste, betulichste Stück, das der so gern blasierte Herr Distelmeyer je geschrieben hat. "Ich bin am Ziel/ Weiß, was ich will und brauch nicht viel/... Am Ende ist es nur ein Song/ Und ich flieg davon", singt er da. Es wäre ein schönes Ende gewesen.
Doch Jochen Distelmeyer ist bei seinem Auftritt im Stuttgarter Universum auch nach der siebten Zugabe noch nicht am Schluss angelangt. Der ehemalige Blumfeld-Sänger spielt ein Konzert für Menschen, die nicht mehr so häufig auf Konzerte gehen. Vielleicht ist der Beginn deshalb so pünktlich bei kurz nach 20 Uhr? Ist es deshalb so andächtig still, dass man Bierflaschen umfallen hören kann?
Jochen Distelmeyer war Blumfeld, jetzt ist er Jochen Distelmeyer. Die Band hatte schon immer bloß die Statistenrolle inne. In den Credits der vielen, wichtigen Blumfeld-Alben heißt es meist "Text: Jochen Distelmeyer". Zwei Jahre nach der Auflösung der Band Blumfeld steht nur Jochen Distelmeyer drauf, wo Jochen Distelmeyer drin ist. Mit "Heavy" hat der 42-Jährige sein erstes Soloalbum veröffentlicht, auf dem er sich wütend fragt "Wohin mit dem Hass?". Bei seinem Stuttgarter Konzert widmet er das herzige "Lass uns Liebe sein" der Schauspielerin Megan Fox. Ganz rührend, der Herr Distelmeyer. Und einer, bei dem Worte wie "geil", "stark", "sexy Stuttgart" und "toll" nicht affig wirken.
Irgendwann zieht Distelmeyer seinen dunkelblauen Pullunder aus, das gestärkte Hemd strahlt blütenweiß. Die sanftmütigste Stimme der deutschen Popmusik ist vor allem bei den ruhigen Stücken wie etwa "Regen" am stärksten. Distelmeyer wechselt von Akustik- zur E-Gitarre und wieder zurück. Er spielt Altes und Neues, Songs von Blumfeld, Songs von Distelmeyer. Ist heute ja sowieso alles irgendwie eins.
Der Sound seiner vierköpfigen Band ist dicht, klar und druckvoll. Und Jochen Distelmeyer ist überraschend gut gelaunt, groovt und tanzt bei "Hiob" lässig vor sich hin und singt: "Ein Oldie feiert sein Comeback, die Leute finden's funky." Mitten im Applaus ruft es einmal aus dem Publikum: "Du bist spitze. Bleib noch länger." Und Distelmeyer antwortet nonchalant: "Hab' ich auch schon drüber nachgedacht."
Distelmeyer mit seinem herausgewachsenen Seitenscheitel singt von Erdbeerfeldern, Schmetterlingen und Füchsen, und draußen sieht man unter dem Charlottenplatz die Autos vorbeirauschen. Die Welt von Jochiboy - wie er von seinen Fans liebevoll genannt wird - ist eine ganz eigene und eine der Gegensätze.
Der Reinhard Mey für Akademiker muss gar nichts mehr. Will nicht mehr Klassensprecher irgendeiner Schule sein. Distelmeyer ist heute ganz bei sich. "Es gibt kein Müssen und kein Sollen", singt er in "Wir sind frei". Und für einen Moment glaubt man ihm diese schöne Utopie. Wie einfach alles.
Wer ihn in Stuttgart verpasst hat - Jochen Distelmeyer gastiert am 4. Dezember im Tübinger Sudhaus und am 7. Februar in der Manufaktur in Schorndorf. Und wer einfach nur reinhören und reinlesen möchte, ist unter der Internet-Adresse
www.jochendistelmeyer.de richtig.