Hauptsynagoge in Fürth, dargestellt in einem Stich von 1832: Die Pracht ist groß und die Angleichung an den christlichen Kirchenbaustil auffällig. Foto: Geschichte für alle
Heinz war ein begeisterter Fußballspieler. Er bolzte und grätschte und versäumte kein einziges Spiel seiner Mannschaft. Selbst als er auswanderte in ein fernes Land, wo Fußball keine Rolle spielte, ließ er sich mit den aktuellen Ergebnissen seiner Jugendmannschaft versorgen. Pünktlich jeden Montag mussten sie auf dem Schreibtisch liegen und noch heute, mit über 85 Lebensjahren, schlägt sein Herz höher, wenn der Verein in Deutschland wieder einmal gespielt hat.
Die Geschichte von Heinz, dem Fußballfan, wäre wohl eine unter vielen geblieben, wäre aus ihm in Amerika nicht Henry, der Außenminister, geworden: Henry Kissinger, Nobelpreisträger und Sohn jüdischer Eltern, musste im Juli 1938 mit seiner Familie die geliebte Heimatstadt Fürth verlassen. In den USA brachte er es bis an die Spitze der Weltpolitik, in Fürth immerhin zum Ehrenbürger und Ehrenmitglied der Spielvereinigung, die ihm vor zehn Jahren eine Dauerkarte auf Lebenszeit schenkte. Henry Kissinger ist der berühmteste aller Juden aus Fürth, aber beileibe nicht der einzige, der es im Leben zu etwas gebracht hat. Leopold Ullstein, der Verleger, Jakob Wassermann, der Schriftsteller, Adolph Ochs, der Gründer der New York Times: Sie alle haben in Fürth an der Pegnitz ihre Wurzeln. Hier, im Schatten der großen Reichsstadt Nürnberg, war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit eine der größten jüdischen Gemeinden Süddeutschlands entstanden.
Den Schatten des großen Nachbarn haben die Fürther nie ganz verdrängen können. Erst kürzlich hat ihnen im direkten Duell der 1.F.C. Nürnberg wieder einmal den Aufstieg in die erste Liga vermasselt, und deshalb muss Henrys Spielvereinigung eine weitere Saison in der zweiten Spielklasse ausharren. Zweitklassig sind die Fürther auch im touristischen Vergleich: Während die Besucher zu Hunderttausenden in die Nürnberger Altstadt strömen, verlieren sich in Fürth nur ein paar wenige. Erst vor gut zehn Jahren haben sie in der immerhin rund 120.000 Einwohner zählenden Stadt ein Fremdenverkehrsamt gegründet.
Fast überall liegt Nürnberg eine Nasenlänge vorn, nur in der jüdischen Geschichte nicht. 1499 warf der Nürnberger Magistrat die letzten jüdischen Bürger aus der Stadt und untersagte ihnen die Ansiedlung für Jahrhunderte. Erst 1850 sollte das Verbot wieder aufgehoben werden. In Fürth hatte sich derweil längst eine lebendige jüdische Gemeinde gegründet, die zu Spitzenzeiten ein Drittel der Einwohner ausmachte. Es waren gebildete Juden, wohlhabende Juden. "Hier", sagt Daniela Eisenstein, "war das jüdische Beverly Hills."
Daniela Eisenstein ist Direktorin des Jüdischen Museums Mittelfranken. Vor zehn Jahren wurde es in Fürth eröffnet, in einem alten jüdischen Bürgerhaus, in dem noch eine Laubenhütte und ein traditionelles jüdisches Ritualbad erhalten sind. Das Bad liegt im Keller, neun Meter unter der Erde und ist noch heute mit glasklarem Grundwasser gefüllt. Das Reinigungsritual war zentraler Bestandteil des jüdischen Lebens, die große Anzahl der Mikwe genannten Bäder Ausdruck des hohen Lebensstandards der Juden in Fürth. Das Jüdische Museum ist eine wichtige Station auf dem Weg durch das jüdische Fürth. Die Altstadt ist nicht groß, das meiste bequem zu Fuß zu erreichen, der Jüdische Friedhof kaum zehn Gehminuten entfernt. Er ist ein dichter Wald aus alten Bäumen und verwitterten Grabsteinen. Manche stehen schräg, andere ineinander verkeilt, ein paar wenige in geordneter Reih. Die, die in Reihe stehen, wurden nachträglich so platziert, nachdem die Nazis sie abräumen ließen. Von 20.000 Fürther Grabsteinen waren nach dem Holocaust noch 6.000 übrig, 300 Jahre jüdischer Friedhofsgeschichte wären in zwölf Jahren NS-Herrschaft beinahe ausgelöscht worden.
Völlig ausgelöscht haben die Nazis das Zentrum des jüdisch-geistigen Lebens in der Stadt. Dort, wo heute ein Brunnen aus den achtziger Jahren plätschert und eine schmucklose Wohnsiedlung mit Betonbalkonen steht, gab es einst vier Synagogen. In der Hauptsynagoge war eine der bedeutendsten Talmudhochschulen Deutschlands, die Buchdruckerei zählte zu den Besten im Lande. In der Progromnacht am 9. November 1938 brannten die Nazis alles bis auf die Grundmauern nieder: In der Jahrhunderte lang von Toleranz geprägten Stadt Fürth sollte es den Juden nicht besser gehen als in jeder schäbigen Nazihochburg im Reich.
Als die Hauptsynagoge brannte, waren die Kissingers schon nicht mehr da. Im Juli 1938 waren sie nach Amerika emigriert. Der Vater, ein bekannter Lehrer, hatte Berufsverbot bekommen und die Mutter Angst, dass alles noch schlimmer werden würde. Sie behielt Recht: Zwölf Mitglieder der Familie sollten die Nazi-Zeit nicht überleben, der Vater in der neuen Heimat nie richtig heimisch werden. Als man Walther Kissinger, den Bruder Henrys; in einem Interview einmal fragte, wie er es damals empfunden habe, als jüdische Kinder plötzlich nicht mehr mit ihren deutschen Freunden spielen durften, schwieg er und bat schließlich, das Gespräch abbrechen zu dürfen.
In der Hallemannstraße 2 singen sie heute wieder in hebräischer Sprache. Wer an einem Samstag vorbeispaziert, kann hören, wie dort der Sabath gefeiert wird. Hinter einer unscheinbaren Sandsteinfassade liegen die Räume der einzigen Synagoge, die die NS-Zeit überstanden hat. Die dichte Bebauung und die Angst vor einem Übergriff der Flammen haben ihre Zerstörung verhindert. 200 Mitglieder zählt die jüdische Gemeinde Fürth inzwischen wieder, 1945 waren es nicht einmal mehr 20 gewesen.
Das Gemeindezentrum ist ein paar Häuser weiter in der ehemaligen jüdischen Realschule. Auch Heinz-Henry hatte dort gepaukt, mit mittelmäßigem Erfolg wie so viele Geistesgrößen, deren Begabung sich nicht an Schulnoten ablesen lässt. Im Hauseingang der israelitischen Gemeinde sind zwei Gedenktafeln angebracht: eine für die Opfer des Holocausts und eine für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Hunderte Fürther Juden hatten tapfer und patriotisch für Deutschland gekämpft und sich im Laufe des 19. Jahrhunderts weitgehend in das bürgerliche Leben integriert.
Das Leben in Fürth war lange Zeit ein anderes als das in Nürnberg: Eine kuriose dreigeteilte Herrschaft bestimmte die Stadt, ihre Besitzungen waren aufgeteilt zwischen Nürnberg, Bamberg und Ansbach. Das Kompetenzgerangel bot vielen eine Chance, unter anderem eben den Juden, die von den Bamberger und Ansbacher Herren gezielt angesiedelt worden waren, um die Stadt wirtschaftlich voranzubringen und den Konkurrenzkampf mit Nürnberg bestehen zu können.
Das hatte funktioniert, und die Liste der Schenkungen Fürther Juden an ihre Stadt ist lang: Die Kinderklinik der Stadt ging aus einer jüdischen Stiftung hervor und die erste Leihbibliothek für die Allgemeinheit ebenfalls. Im sogenannten Berolzheimerianum ist heute die Comödie Fürth untergebracht, deren Betreiber in der Rolle von "Waltraud und Mariechen" einem älteren Fernsehpublikum bundesweit bekannt sind.
Der prächtige gelbe Jugendstilbau des Berolzheimerianums ist das krasse Gegenteil des Hauses in der Marienstraße 23. Hier, über der hässlichen Fassade eines gerade geschlossenen Tatoo-Studios, wurde am 27.Mai 1923 Heinz Alfred Kissinger geboren. Kein Hinweisschild erinnert an ihn, "Gedenktafeln", so die etwas eigenwillge Begründung der Stadt Fürth, gebe es erst für Tote.
Kann sein, dass die Gedenktafel Kissingers noch lange nicht gebraucht wird. Seine Eltern wurden 95 und 97 Jahre alt, und er selbst macht mit 86 noch einen außerordentlich frischen Eindruck. Gut möglich, dass er demnächst mal wieder in Fürth auftaucht. Um einer der zahlreichen Einladungen der Stadt zu folgen oder um seine Spielvereinigung anzufeuern. Fürth in der ersten und Nürnberg in der zweiten Liga, dagegen hätte auch Lokalpatriot Henry garantiert nichts einzuwenden.
Info Rundgänge auf den Spuren der jüdischen Geschichte gibt es bei der Stadt Fürth (Touristinformation, Telefon 09 11 / 2 39 58 70, www.fuerth.de/tourismus) oder beim Verein Geschichte für alle (Telefon 09 11 / 30 73 60, www.geschichte-fuer-alle.de). Der Verein hat in der Reihe "Historische Spaziergänge" auch einen Band herausgegeben über die "Geschichte der Juden in Fürth" (Katrin Bielefeldt, 6,80 Euro).
Das Jüdisches Museum Franken in Fürth fasst die gesamte Regionalgeschichte der Juden in Fürth und Umgebung zusammen (Tel. 0911 / 77 05 77, www.juedisches-museum.org, geöffnet Dienstag bis Sonntag, Königstraße 89). Die lohnenswerte Ausstellung wurde erst jüngst überarbeitet. Das Museum hat Außenstellen in Schnaittach (geöffnet Samstag und Sonntag) und Schwabach (nur nach Vereinbarung).