Stuttgart/Schorndorf - Wurde die Nutzung der Erdwärme zu früh als eine gute Alternative zu Öl und Gas gefeiert? Nach den Gebäudeschäden, die bei entsprechenden Bohrungen im badischen Staufen und in Schorndorf (Rems-Murr-Kreis) aufgetreten sind, wird der Ruf nach strengeren Richtlinien für die Eingriffe in den Untergrund lauter.
Die Zahl der Häuslebauer, die in den zurückliegenden Jahren lieber ein tiefes Loch in die Erde bohren ließen, anstatt mit Öl oder Gas zu heizen, ist stark gestiegen. Außerhalb von Wasserschutzgebieten war und ist es leicht, mit dem Segen der Behörden die Erdwärme anzuzapfen. Für die meisten Bohrprojekte genügte es, das Vorhaben bei der entsprechenden Genehmigungsbehörde zu melden. In den Kreisen sind dies die Landratsämter, in Stuttgart ist es das Amt für Umweltschutz.
Weil es in der Zwischenzeit aber zu Schäden kam, wird nun laut über die bisherige Genehmigungspraxis nachgedacht. Am bekanntesten, gravierendsten und wohl auch am teuersten zu beheben sind die Schäden in der südbadischen Stadt Staufen. Dort wurden an mehr als 200 Gebäuden tiefe Risse entdeckt. Nach falsch ausgeführten Bohrungen hebt sich dort seit zwei Jahren die Erde um monatlich einen Zentimeter und bringt die Statik der Häuser ins Wanken.
Als zweiten gravierenden Fall wertet das baden-württembergische Umweltministerium einen Grundwasserschaden, der sich in Schorndorf ereignet hat. Dort wurde im vergangenen Herbst eine Geothermieanlage errichtet. Nach Ansicht des Waiblinger Landratsamts hat es die ausführende Firma an Umsicht fehlen lassen und durch eine wasserführende Schicht gebohrt. Das Wasser sei daraufhin im Untergrund verschwunden.
Als erste Folge des Malheurs trocknete der See der Keplerschule aus. Alsbald zeigten sich an dem Gebäude Risse, die eine Zeit lang beobachtet wurden. Jetzt genügt das aber nicht mehr. Die tragenden Stützen, in denen Haarrisse entdeckt wurden, müssen umgehend verstärkt werden. Zudem sind acht Privathäuser in der Nachbarschaft der Bohrstelle ebenfalls beschädigt worden. Das Landratsamt führte dort mittlerweile eine sogenannte Beweissicherung durch.
Mehr als ein Jahr ließ die Waiblinger Genehmigungsbehörde die Stadt und die Hausbesitzer im Unklaren darüber, wie sie sich die Schadensregulierung vorstellt. Heute kommt Vizelandrat Bernd Friedrich allerdings ins Schorndorfer Rathaus, um dem Technischen Ausschuss des Gemeinderats zu berichten, wie das Bohrloch abgedichtet werden kann.
Um Bewegung in das Verfahren zu bringen, wird das Landratsamt zunächst selbst die Aufträge für diese Bauarbeiten vergeben. Später wird die Behörde versuchen, die entstandenen Kosten (man rechnet mit 300.000 Euro) von der Bohrfirma zu fordern. Das Landratsamt geht davon aus, dass in diesem Fall das Gericht eine Entscheidung treffen wird. Die ausführende Firma streitet bis jetzt jede Schuld an dem Debakel ab.
Nach Staufen, Schorndorf und anderen kleineren, schnell zu behebenden Bohrzwischenfällen, die sich unter anderem in Freiburg, aber auch in den Kreisen der Region Stuttgart ereignet haben, rufen betroffene Kommunalpolitiker wie beispielsweise der Schorndorfer Baubürgermeister Andreas Stanicki nach einem strengeren Genehmigungsverfahren. Bei diesen Prüfungen sollen insbesondere die Gesteinsschichten individuell für jedes Projekt untersucht werden.
In Stuttgart geht das Amt für Umweltschutz davon aus, genügend Vorkehrungen getroffen zu haben, um das Mineralwasser und die Heilquellen vor falsch gesetzten Bohrungen zu schützen. Im direkten Einzugsgebiet des wertvollen Wassers, also im Neckartal und den Unteren Anlagen, lohnt sich wegen der Einschränkungen das Anzapfen der Erdwärme überhaupt nicht. Weiter draußen, etwa im Filderraum, müssen die Maschinen gestoppt werden, wenn die Bohrer auf Gips treffen. Diese Vorschrift wurde gerade in Staufen missachtet. Trotz der Auflagen gibt es in Stuttgart mittlerweile 254 Geothermieanlagen - durchaus auch für Großprojekte. Unter anderem wird für die im Bau befindliche Bibliothek 21 die Erdwärme angezapft.
Außerhalb von Stuttgart ist der Kreis Esslingen mit 327 Anlagen führend, die in den Jahren 2008 und 2009 genehmigt wurden. Weit weniger Interesse gibt es im Kreis Böblingen. Dort wurden seit 2005 nur 260 Erdsonden genehmigt. Die Zurückhaltung wird mit den Wasserschutzzonen begründet, die 40 Prozent des gesamten Kreisgebiets ausmachen. In den größeren Kreisen Ludwigsburg und Rems-Murr waren es im gleichen Zeitraum jeweils rund 400 genehmigte Projekte. Aber auch dort gilt, dass wegen der spektakulären Schadensfälle das Interesse an Neuanlagen in diesem Jahr stark zurückgegangen ist.