Stuttgart - Die Szene am Stuttgarter Flughafen löst bei den Umstehenden Mitleid aus. Eine Gruppe Italiener ist gerade gelandet und will Hotel und Weihnachtsmarkt in der Innenstadt ansteuern. Doch der Fahrscheinautomat an der S-Bahn-Haltestelle überfordert sie komplett. Einigen Briten geht es ähnlich. Wie viele Zonen, welches Ticket? Ortskundige Mitfahrer helfen weiter.
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Man muss allerdings nicht aus dem Ausland kommen, um manchmal an die Grenzen zu stoßen, wenn es ums Tarifsystem geht. Auch Einheimische, selbst Abonutzer, sitzen immer wieder Irrtümern auf, die zu Unverständnis und Ärger führen. Nun ist kein Tarifsystem der Welt so übersichtlich, dass jeder Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs es auf Anhieb versteht. Doch am Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) wird immer wieder Kritik laut. Besonders das Kurzstreckenticket sorgt offenbar für Verwirrung. Abhilfe ist zumindest vorerst nicht in Sicht.
Seit Jahren liegt das Kurzstreckenticket in der Hitliste möglicher Fehlerquellen vorn. "Ich fühle mich vom VVS total veräppelt und übers Ohr gehauen", schreibt etwa ein Schorndorfer Gelegenheitsfahrer in einem Beschwerdebrief. Er wollte die S-Bahn nutzen, um zur Arbeit zu fahren, und zwar für nur drei Stationen. Der Automat allerdings zeigte das Kurzstreckenticket für einen Euro nicht an. Auch die umstehenden Passagiere konnten ihm nicht weiterhelfen.
Der Grund ist simpel, für viele Passagiere aber nicht nachvollziehbar. "Das Kurzstreckenticket gilt grundsätzlich nicht in der S-Bahn", sagt VVS-Sprecherin Ulrike Weißinger, "deshalb zeigen es die Automaten dort auch nicht an." Das sei darin begründet, dass zwischen einzelnen S-Bahn-Stationen bis zu sieben Kilometer liegen - deutlich mehr als zwischen Stadtbahn- oder Bushaltestellen. Auch in den Nachtbussen gilt das Kurzstreckenticket nicht.
Eine Vereinfachung ist zunächst nicht in Sicht. "Das wird zwar immer wieder diskutiert", so Weißinger, "sicher ist aber, dass zumindest im Jahr 2010 die jetzige Regelung weiterhin besteht." Die VVS-Sprecherin deckt dabei gleich eine zweite Fehlerquelle auf: Mit dem Kurzstreckenticket darf man drei Stationen fahren - der Einstiegspunkt wird dabei nicht mitgerechnet.
Ein weiteres Hauptärgernis für viele sind die Zonengrenzen. Besonders die Tatsache, dass für wenige Stationen oftmals mehrere Zonen gelöst werden müssen, ruft immer wieder Missverständnisse hervor. Etwa jüngst bei einer Frau, die nur zwei Haltestellen mit der Stadtbahn fuhr. Sie nahm an, dafür würde der günstigste Einzelfahrschein schon reichen. Dummerweise überfuhr sie die Zonengrenze und wurde prompt erwischt und damit zur Schwarzfahrerin. In diesem Fall wäre das Kurzstreckenticket ideal gewesen.
"Wir sind der Meinung, dass unser Tarifsystem funktioniert", sagt Ulrike Weißinger dazu. Eine Abschaffung der Zonen sei unmöglich. "Immer wieder ins Gespräch gebracht wird ja die Zusammenlegung der Zonen 10 und 20 im Stuttgarter Stadtgebiet", sagt sie, "dabei gäbe es aber mehr Verlierer als Gewinner." Die Rechnung ist einfach: Um finanziell aufs gleiche Ergebnis zu kommen, müsste man in diesem Fall einen Durchschnittspreis für die Tickets nehmen. Der günstigste Fahrschein wäre dann deutlich teurer als heute. Dennoch korrigiert man in Einzelfällen immer wieder: Baltmannsweiler im Kreis Esslingen etwa wurde jüngst auf die Zonengrenze verlegt, um von dort günstiger fahren zu können.
Der Ortsvergleich bringt ein unterschiedliches Bild. Während Frankfurt oder Köln ähnliche Systeme haben wie Stuttgart und sich der Fahrgast in München oft sogar noch schwerer tut, gibt es auch positive Beispiele. In Berlin etwa ist der öffentliche Nahverkehr einfach gegliedert und günstig. International betrachtet schafft es eine große Stadt wie New York, dass Passagiere mit einem einzigen Ticket ohne Zonengrenze das gesamte Stadtgebiet für sehr wenig Geld befahren können.
In Stuttgart ist man dennoch überzeugt, gut aufgestellt zu sein. "Insgesamt ist unser System hervorragend eingeführt, das hat uns im Herbst auch ein Gutachter bestätigt", sagt Ulrike Weißinger. Beschwerden gebe es nur in geringem Umfang. "Manchmal", betont sie, "schreiben uns sogar Leute von außerhalb, die uns ausdrücklich loben." Zumindest die Italiener vom Flughafen können das nicht gewesen sein.
Jürgen Bock
Lesermeinungen
10.01.2010 12:10
Autor: Brigitte Schatz
Wenn schon eine Einteilung in Zonen, dann bitteschön auch in gleich große Zonen. Warum sind die Zonen 31 bzw. 30 nicht mal halb so groß wie die Zone 32? Warum sich das die Esslinger und Nellinger gefallen lassen...?
08.01.2010 17:09
Autor: Mahner
Bezüglich der sehr ärgerlichen jährlichen Preiserhöhungen muss auch die Ausgabenseite betrachtet werden. Die Stuttgarter Verkehrsbetriebe schmeißen das Geld mit vollen Händen hinaus wie Karamellbonbons am Karneval. Eine Untersuchung, ob hier Leute geschmiert werden, wenn sie möglichst teure Aufträge erteilen ist dringend angebracht.
05.01.2010 12:54
Autor: Volker Grosser
Abgesehen von der höchst ärgerlichen jährlichen Preiserhöhung ist ein weiterer Ärger mit den Fahrkartenautomaten noch immer nicht beseitigt: Das Bezahlen mit der EC Karte. Man steht vor dem Gerät, hat den gesamten Vorgang erfolgreich durchgeführt, und jetzt wird ein Systemfehler gemeldet. Die Bahn fährt ein und es gibt keinen Fahrschein, weil der 50- Euro-Schein nicht angenommen wird. Das berühmte HB-Männchen aus der Fernsehwerbung ist bildhaft präsent. Wann endlich ist die SSB in der Lage, seinen Kunden solchen Ärger zu ersparen?