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Kein Prozess

Triumph für TV-Guru Hornauer

Hornauer 2004 bei seinem Sender BTV4U
Foto: dpa

Stuttgart - Wer nachts nicht schlafen kann und aus lauter Verzweiflung den Fernseher wieder anschaltet, dem kann es leicht passieren, dass er auf seltsame Rätselsendungen trifft. Da stehen dann schrill oder spärlich bekleidete Moderatorinnen und fordern die Zuschauer zum Anrufen auf. Gesucht wird zum Beispiel eine deutsche Automarke, bei der der erste Buchstabe ein B und der letzte ein W ist. Die Aufgabe dürfte selbst für Autolaien morgens um vier leicht zu lösen sein, zumal wenn das Wort nur drei Buchstaben hat. Wer ganz viel Glück hat, kommt durch und räumt das Preisgeld ab. Die Mehrzahl der Anrufer hat in diesen Sendungen aber meistens Pech – und zahlt nur teure Telefongebühren an den Sender.

Genau nach diesem Prinzip hat Thomas Hornauer einst seine Geschäfte gemacht. Es war in den Jahren 2003 und 2004, als der Selfmade-Millionär aus Plüderhausen im Rems-Murr-Kreis seinen damaligen Sender BTV4U gerne mit solchen Gewinnspielshows füllte. Allein, die Abzockerei wurde irgendwann zum Problem, weil sich Zuschauer beschwerten. Sie fühlten sich veralbert, wenn sie vom Moderator mit Sätzen wie "Alle Leitungen sind frei, warum ruft denn keiner an?" zum Anrufen aufgefordert wurden, am anderen Ende aber keiner abnahm. Irgendwann häuften sich die Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart, sie leitete ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Betrugs ein - und durchsuchte Ende 2003 den Sender in Ludwigsburg sowie Privat- und Geschäftsräume von Hornauer. Der Vorwurf damals: unklare Spielregeln, fehlende Rätselauflösungen und eben der Verdacht der toten Telefonleitung. Allein in einem halben Jahr, so die Staatsanwaltschaft, habe Hornauer mit diesen Geschäften knapp drei Millionen Euro Umsatz gescheffelt.

Was folgte, waren jahrelange Ermittlungen. Mal teilte die Staatsanwaltschaft mit, "die Unterlagen würden noch immer gesichtet". Mal hieß es, ein Ende des Verfahrens sei wegen "der Komplexität des Falles nicht absehbar". Irgendwann muss den Staatsanwälten in dem Wust von Rätselsendungen und Telefonverbindungen der Überblick abhandengekommen sein. Denn nun, als der Fall Ende des vergangenen Jahres endlich zu Ende ermittelt und die Anklage gegen Hornauer geschrieben war - Vorwurf: gewerbsmäßiger Betrug in 1,5 Millionen Fällen, entstandener Schaden von rund 600.000 Euro -, erlebten die Ermittler ihre ganz eigene Bildstörung. Die 11. Strafkammer für Wirtschaftsstrafsachen beim Landgericht Stuttgart lehnte die Eröffnung des Hauptverfahrens "aus formalrechtlichen Gründen" ab, wie eine Gerichtssprecherin unserer Zeitung bestätigt. Der einfache Grund: Die Staatsanwaltschaft hatte den Fall so lange liegen lassen, dass er inzwischen verjährt ist.

Unter Juristen ist die Panne mittlerweile das Top-Thema, der Spott über die Stuttgarter Ermittler scheint grenzenlos. Und auch Hornauers Verteidiger, der renommierte Heidelberger Anwalt Alexander Keller, kann eine gewisse Ironie nicht verbergen: "Jeder Jurist weiß, dass die Verjährungszeit nach fünf Jahren greift", so Keller, "und auf fünf kann doch jedes Kind zählen, oder?"

So kommt der Fall nun also zu den Akten - und wird zu einem unerwarteten Triumph für einen der umstrittensten Medienunternehmer Deutschlands. 2003 hatte dieser erstmals für Aufsehen gesorgt, als er für knapp zwei Millionen Euro den regierungsfreundlichen, aber insolventen Regionalsender B.TV mit dem Spitznamen "Erwin TV" kaufte. Wenig später tauchte ein Video des neuen Inhabers auf. In dem Filmschnipsel tanzte Hornauer in den TV-Studios in Ludwigsburg auf dem Tisch und rief nach Kriegern, mit denen er Millionen scheffeln könne.

Diese Art der merkwürdigen Mitarbeitermotivation blieb freilich kein Einzelfall. Mal ließ er offenbar minutengenau erfassen, wann seine Mitarbeiter rauchen, ein anderes Mal berichteten Mitarbeiter, sei er in der Tür gestanden und habe gebrüllt: "Ich möchte mehr kurze Röcke sehen." Aber auch außerhalb der Studios sorgte der frühere Kneipenbesitzer für Aufsehen. Mal wurden Hornauer Kontakte zur sektenähnlichen Wankmiller-Gruppe in Füssen nachgesagt, dann musste er zugeben, sein Geld nicht nur mit teuren 0190-Telefonnummern verdient zu haben, sondern bei Porno-Clips selbst Hand angelegt zu haben.

Irgendwann, als der Medienstandort Baden-Württemberg bundesweit endgültig zum Gespött zu werden drohte, schaltete sich die Landespolitik ein. Der Landtag unter Regie des damaligen Medienministers Christoph Palmer (CDU) startete eine Bundesratsinitiative gegen den Wildwuchs an Telefongewinnspielen. Und die Landesanstalt für Kommunikation (LfK) als Medienaufsichtsbehörde verweigerte dem Unternehmer wegen mangelnder Zuverlässigkeit die weitere Sendelizenz. Das war 2004. Hornauer selbst sprach damals "von einer politisch gesteuerten Kampagne" gegen ihn.

Aber er gab nicht auf. Der heute 49-Jährige gründete den Mediendienst Primetime, der sich auf Astro-Beratung spezialisierte. Später wurde daraus der Sender Telemedial mit esotherischer Beratung. Wieder wurden die Zuschauer für Telefonate zur Kasse gebeten. Wer mochte, erhielt von Hornauer einen Energieausgleich zum Preis von angeblich 50 Euro. Oder bekam Sätze zu hören wie: Dein Körper ist das Auto, du bist der Fahrer, deine Füße sind die Reifen, dein Verstand sitzt auf dem Rücksitz.

Irgendwann schritten die Medienwächter erneut ein. Inzwischen ist Hornauer ins Internet abgewandert - und reagiert mit Hohn auf die Justizpanne: "Die Behörde ist ein strunzdummer Apparat. Aber es ist gerecht, dass die Frist verschlafen wurde", sagte er auf Anfrage unserer Zeitung. Ob er einen neuen TV-Sender gründet, ob er seinen Firmensitz weiter in Plüderhausen hat? "Das muss ich Ihnen nicht sagen", keift er, "ich wohne noch auf dem Planeten Erde".
 

Frank Krause

30.01.2010 - aktualisiert: 29.01.2010 19:35 Uhr

 



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