Frauen machen Spagat zwischen Familie und Job, Männer Karriere. Doch immer weniger Frauen wollen auf ein erfülltes Berufsleben verzichten, und immer mehr Männer merken, dass das Leben mit Kindern befriedigend sein kann. Beide Lebenswelten miteinander zu verbinden ist jedoch nicht einfach. Hier sind zunehmend die Arbeitgeber gefragt. Denn Familienfreundlichkeit zahlt sich für sie aus.
Auch wenn sich durch das Elterngeld und die Reform der Elternzeit einiges geändert hat, sind es doch meist die Mütter, die nach der ersten intensiven Kinderphase aus unterschiedlichen Gründen nicht wieder in den Beruf einsteigen möchten oder können. Wenn doch, bevorzugen die meisten Teilzeitarbeit. Oft machen es aber die Arbeitgeber den Frauen durch starre Vorgaben nicht leicht. Für manche gilt schon das Angebot von 90 Prozent Arbeitszeit als flexibles Modell.
Nicht so bei der Firma Ritter in Waldenbuch. Die inhabergeführte Schokoladenfabrik wurde als besonders frauen- und familienfreundlicher Betrieb ausgezeichnet. Die 37-jährige Michaela Holzäpfel hat einen kleinen Sohn und arbeitet als Group Product Manager im mittleren Management. Sie lobt ihren Arbeitgeber als "super flexibel". Zum Beispiel bei den Arbeitszeiten. Einen Teil ihrer Stunden kann sie zudem im Home-Office abarbeiten. Außerdem finden Meetings mit Rücksicht auf die Eltern, die nachmittags pünktlich gehen müssen, vormittags statt.
Ritter beteiligt sich zu einem Drittel an den Kosten für eine externe Kinderbetreuung. Allerdings hat Holzäpfel in Absprache mit ihrem Mann ihr Arbeitspensum auf 80 Prozent reduziert, weil sie für ihren Sohn keine Tagesmutter in Vollzeit fanden. Mit ihrer ebenfalls in Teilzeit beschäftigten Mitarbeiterin hält sie stets E-Mail- und Telefonkontakt und stemmt ihren Managing-Posten bei Ritter seither in 30 Wochenstunden. Trotz allem ist Manuela Holzäpfel wie die meisten berufstätigen Eltern auf ein Netzwerk zusätzlicher Kinderbetreuung angewiesen.
Vorausschauende Unternehmen setzen heute verstärkt auf sogenanntes Diversity Management und Work-Life-Balance. Sie haben erkannt, dass die Vielfalt der Beschäftigten auf kultureller, persönlicher und beruflicher Ebene das Unternehmen bereichern. Familienfreundliche Angebote wie flexible Arbeitszeiten, eine familienbewusste Personalpolitik sowie Hilfe bei der Kinderbetreuung unterstützen den Diversity-Ansatz.
Der SWR in Baden-Baden bietet für die Kinder von Beschäftigten gemeinsam mit dem Tagesmütterverein sogar Freizeiten in den Sommerferien an. Familienfreundlichkeit hängt laut einer Studie der von der Hertie-Stiftung geförderten berufundfamilie gGmbH weder von der Größe noch der Branche eines Unternehmens ab.
Frauen sollen ihre Wünsche zur Vereinbarkeit in Bewerbungsgesprächen gezielt nachfragen, rät Anke Domscheit, Managerin bei Microsoft. Denn kein Unternehmen könne es sich heute mehr erlauben, das Thema zu vernachlässigen, bestätigt die Psychologin und Work-Life-Balance-Expertin Elena de Groot. Wer als Arbeitgeber entsprechende Angebote wie flexible Arbeitszeiten oder betriebliche Kinderbetreuung entwickle, könne qualifizierte Fach- und Führungskräfte gewinnen und sie langfristig an das Unternehmen binden. Allerdings brauche es mindestens einen wichtigen Promotor, der sich dafür einsetze.
Bei der Daimler AG ist das Diversity Manager Harald Klein von Daimler Trucks in Wörth am Rhein. Das 2001 initiierte Projekt "Beruf und Familie" zielt vor allem darauf ab, Eltern deutlich zu machen, wie wichtig es ist, "qualifikatorisch am Ball zu bleiben", schreibt Klein in der vom Arbeits- und Sozialministerium Baden-Württemberg herausgegeben Zeitschrift "Frauen-Aktiv". Seitdem habe sich einiges geändert. Waren 2002 noch 99 Prozent der Beschäftigten in Eltern- und Familienzeit Frauen, seien es sieben Jahre später zu zwei Dritteln Männer. Daimler Trucks ist von der berufundfamilie gGmbH als eines von mehr als 600 familienorientierten Unternehmen in Deutschland auditiert.
Um eine bessere Work-Life-Balance zu fördern, sagt Elena de Groot, sei vor allem eine flexible und kontinuierliche Kinderbetreuung entscheidend. Doch die ist oft der Knackpunkt. Obwohl viele Paare vor der Geburt ihres Kindes vereinbart hatten, sich die Betreuung zu teilen, merken sie plötzlich, dass nicht das Kind das Hindernis ist, sondern dass es zu wenige bezahlbare Krippenplätze für unter Dreijährige gibt. Der Gemeindetag Baden-Württemberg stellt derzeit sogar den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für alle Kinder unter drei Jahren zur Disposition - zu teuer. Wohin also mit dem Nachwuchs, wenn die Elternzeit vorbei ist? Einer der Lösungsansätze für die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie heißt: vom Betrieb finanziell unterstützte Kindertagesstätten.
Frauke von Hofen ist zu 20 Stunden die Woche bei Alcatel-Lucent in Zuffenhausen als Personalsachbearbeiterin im Bereich Human Resources angestellt. Der Wiedereinstieg wurde der 42-Jährigen nach zwei Jahren Elternzeit von ihrem Arbeitgeber durch den Teilzeitarbeitsplatz mit Gleitzeitregelung ermöglicht. Ihr kleiner Sohn verbringt derweil die Zeit in der privaten, von 7 bis 19 Uhr geöffneten Kindertagesstätte Schatzkiste, die im April 2009 in direkter Nachbarschaft zu Alcatel-Lucent eröffnet wurde. Das Unternehmen beteiligt sich finanziell an der Kita.
Waltraud Weegmann gehört zu den Vorreiterinnen in Sachen private und betrieblich geförderte Kinderbetreuung. Mit der Bärcheninsel in Dürrlewang legte die Stuttgarterin vor fast 20 Jahren den Grundstein für ihr Unternehmen Konzept-e GmbH für Bildung und Soziales. Es umfasst inzwischen 19 Kinderhäuser, darunter auch Betriebskitas, mit über 900 Plätzen für Kinder ab sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Weegmann hat den seit 2004 jährlich in Stuttgart stattfindenden Kinderbetreuungskongress "Invest in Future" initiiert und sieht Kindertagesstätten als wichtiges Infrastrukturangebot. Viele Firmen hätten das erkannt und übernehmen anteilig Investitionskosten.
Inge Zimmermann, Geschäftsführerin der BeFF-Kontaktstelle Frau und Beruf Stuttgart, berät seit vielen Jahren ratsuchende Frauen im beruflichen Bereich. Sie sieht noch großen Mangel bei der Kinderbetreuung, vor allem auf dem Land. Ohne private Hilfe seien viele Frauen schlichtweg aufgeschmissen. Zudem erschweren nach einer langen Familienphase fehlende Qualifikation und häufig mangelndes Selbstbewusstsein den Wiedereinstieg, sagt Zimmermann. Allerdings hat sie festgestellt, dass viele der Frauen "immer weniger lang aus dem Job aussteigen".
Seit einem Jahr bietet BeFF Frauen aus Stuttgart kostenlose berufliche Beratung und Information an. Das Projekt BBI richtet sich an Mütter mit Kindern unter drei Jahren. Sie werden unter anderem bei der Planung ihrer beruflichen Perspektive beraten sowie bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und sie können Workshops zu Themen wie Wiedereinstieg, Bewerbung oder Selbstständigkeit besuchen.
Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie beschäftigte vor kurzem auch Studierende der Mannheim Business School. Sie entwickelten eine Online-Service-Plattform für Unternehmen. Über die können Mitarbeiter unter
www.benefit-at-work.de sogar den "Babysitter auf Bestellung" abrufen.