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"tontaube" im Interview

"Twitter war eine Möglichkeit, zu warnen"

11.03.2010 - aktualisiert: 11.03.2010 10:31 Uhr

Amoklauf Winnenden - Internet
Foto: dpa
Stuttgart - "ACHTUNG: In der Realschule Winnenden gab es heute einen Amoklauf, Täter angeblich flüchtig - besser nicht in die Stadt kommen!!!!" Diese 129 Zeichen waren die ersten, die am 11. März 2009 über den Kurznachrichtendienst Twitter vom Amoklauf in Winnenden und Wendlingen kündeten. Geschrieben hat sie Natali Haug. Unter ihrem Twitternamen "tontaube" wollte sie vor dem flüchtigen Amokläufer Tim K. warnen - und trat damit eine gewaltige Medienlawine los. Journalisten aus den USA und Frankreich wollten von der Redaktionsassistentin, die am Winnender Bahnhof in ihrem Büro saß, wissen, was in der schwäbischen Kleinstadt los ist. Ein Jahr später spricht Natali Haug im Interview über ihre Erfahrungen.

Sie waren am 11. März 2009 die erste, die über Twitter mitteilte, was passiert war. Wie kam es dazu?

Natali Haug
Foto: privat
Natali Haug: Ich habe an dem Tag von einer Kollegin erfahren, dass irgendetwas in Winnenden los ist. Ihr Mann war mit dem Auto in Richtung Albertville-Schule unterwegs und wurde von der Polizei angehalten, weil dort angeblich jemand um sich schoss. Die Kinder meiner Kollegin gingen auf die Nachbarschule, deshalb war sie völlig aufgelöst. Die Nachricht hat im Büro schnell die Runde gemacht. Wir waren alle in großer Sorge und haben Bekannte und Freunde telefonisch informiert.

Für mich war Twitter zu diesem Zeitpunkt noch relativ neu, ich war gerade einmal einen Monat dabei. Es war einfach ein weiteres Medium und eine Möglichkeit, Leute zu warnen.

War Ihnen in diesem Moment schon klar, wie groß das Ausmaß der Tragödie war?

Natürlich konnte ich es im Detail nicht abschätzen. Es herrschte aber in jedem Fall ein gefühlter Ausnahmezustand. Das ging bis zu richtig körperlicher Angst. Mein einziger Gedanke war, dass ich die Leute warnen muss.

Die Reaktion folgte auf dem Fuße: Journalisten aus aller Welt kontaktieren Sie. Erinnern Sie sich noch, welche?

Gemeldet haben sich außer regionalen Zeitungen auch Journalisten von n-tv, der Bild-Zeitung, irgendwann auch CNN und France24. Später habe ich dann mitgekriegt, dass auch der arabische Nachrichtensender Al Jazeera versucht hat, mich zu erreichen. Ich glaube, viele sind davon ausgegangen, dass ich Augenzeugin oder sehr nah am Geschehen bin, und wollten von mir wissen, was da los ist.

Ich musste dann erstmal erklären: Leute, ich sitze in einem Büro am anderen Ende der Stadt, ich kann euch nicht mehr sagen, als dass hier etwas passiert. Irgendwann habe ich das dann ja auch getwittert: "Liebe Presse: ich weiß doch auch nichts von dem Verrückten...", um die Situation klarzustellen.

Hätten Sie mit einer so enormen Reaktion gerechnet?

Sicher hatte ich noch die Wasserung auf dem Hudson River im Kopf, von der die ersten Nachrichten und Bilder über Twitter kamen, und auf die sich die Journalisten ja richtig stürzten. Daher nahm ich schon an, dass Reaktionen kommen könnten, aber nicht in diesem Ausmaß. Außerdem war mir nicht klar, wie viele Menschen in und um Winnenden Twitter nutzen. Mein Tweet hätte ja nicht der erste sein müssen.

Was war das für ein Gefühl, plötzlich im Mittelpunkt des medialen Interesses zu stehen?

Zum einen war es seltsam, zum anderen aber auch eine Stütze. Die Anrufe der Journalisten waren etwas, mit dem ich mich beschäftigen und konkret auseinandersetzen konnte. So hatte ich in dieser Schreckenssituation etwas, das mich ablenkt. Richtig realisiert habe ich das Ganze aber erst am Abend, als ich Radio gehört und Fernsehen gesehen und im Internet ein bisschen aufgearbeitet hatte, was den Tag über geschehen ist.

Gab es da auch unangenehme Gespräche oder Journalisten, die für Ihr Empfinden Grenzen überschritten haben?

Nein. Da war alles erstaunlich korrekt. Allerdings konnte ich nicht ganz nachvollziehen, was die Journalisten von mir wollten, nachdem ich ja klar gemacht hatte, dass ich keine Informationen über den Amoklauf liefern kann. Da waren einige Journalisten schon sehr hartnäckig, um irgendwas aus mir herauszukriegen.

Eine ganz andere Sache war es bestimmt bei den Schülern oder den Eltern, die in dieser Ausnahmesituation von Journalisten regelrecht überrumpelt wurden. Hier wurden sicherlich Grenzen überschritten.

Wann ebbte der Trubel wieder ab?

Etwa zwei Wochen lang kamen fast jeden Tag Nachfragen von Journalisten, dann wurde es ruhiger. Auch jetzt zum Jahrestag gibt es wieder Anfragen, aber sie halten sich in Grenzen. Die Zeit hat sich gemeldet und auch der Bayerische Rundfunk.

Richtig gut finde ich, dass sich ein Schulbuchverlag bei mir gemeldet hat, der meine Tweets und Teile meines Blogbeitrags zum Amoklauf in seine Lehrmaterialien für die Oberstufe aufnehmen möchte. Es soll ein Beispiel für das Thema "Leben im Netz“ darstellen.

Im Nachhinein kritisierten viele die Rolle, die Twitter in Winnenden spielte: Nachrichten seien unreflektiert weitergegeben worden, auch Falschmeldungen seien so verbreitet worden. Wie sehen Sie das heute: War Twitter am 11. März 2009 Segen oder Fluch?

Was damals via Twitter abgelaufen ist, war wahrscheinlich nötig, um zu lernen. Mittlerweile ist die Twitternutzung durch die Medien sehr viel professioneller geworden. Es gibt mehr Redaktionen, die jemanden haben, der sich mit den Dienst richtig auskennt. Zu dem Zeitpunkt des Amoklaufs war das aber noch nicht der Fall. Da wurde oft überstürzt gehandelt und so ging auch einiges schief. Es wurde sicher viel Lehrgeld bezahlt.

Bereuen Sie manchmal, den Tweet abgeschickt zu haben?

Nein, das bereue ich nicht. Ich hatte während der ganzen Zeit das Gefühl, alles gut im Griff zu haben. Ich würde mir vorwerfen, wenn ich etwas geschrieben hätte, das sich später als falsch herausgestellt hätte – aber das war ja nicht der Fall. Ich würde es wieder tun.
 

Theresa Schäfer