Podiumsdiskussion im Rahmen der CEP Clean Energy & Passivehouse
Stuttgart - Boris Palmer ist mit seinem hellblauen Anzug schon eine auffällige Erscheinung. Der Tübinger Oberbürgermeister inszeniert seine Klimaschutzkampagne "Tübingen macht blau" gern mit mehr oder weniger auffälligen modischen Akzenten. Doch auf der diesjährigen Landesmesse CEP Clean Energy & Passivehouse schien er farblich eher etwas unterzugehen. Der Teppichboden der Bühne hatte nämlich den gleichen blauen Farbton wie sein Anzug.
Auf dem Podium hatte sich ein illustrer Kreis versammelt, um über Ziele, Strategien und Visionen der erneuerbaren Energien in Baden-Württemberg zum Auftakt der Landesenergiemesse zu diskutieren.
Hans Freudenberg vom Wirtschaftsministerium ging zunächst auf den Status quo im Land ein. So sei der Gebäudebestand zu 75 Prozent älter als die Wärmeschutzverordnung von 1977. Rund 90 Prozent der CO2-Gebäudeemissionen seien darauf zurückzuführen. Hier sehe er deshalb auch die größten Einsparpotenziale. Das Thema Energie sieht der Ministerialdirektor aber auch als Freiheitsthema, weshalb sich das Land seiner Auffassung nach auch von fossilen Brennstoffen unabhängig machen müsse. Dies werde aber zwangsläufig die Energie verteuern, folgert Freudenberg, der sich dafür aussprach, dass ein Industrieland wie Baden-Württemberg dabei auf vertretbare Kosten achten sollte.
"Energiekonzept mit vielen stimmigen Elementen"
Gerhard Kleih sieht im Energiekonzept des Landes viele stimmige Elemente. Auch der Geschäftsführer der EnBW Vertriebs- und Servicegesellschaft hält den Ausbau der erneuerbaren Energien für einen wesentlichen Punkt im Energiekonzept des Landes. So plant die EnBW, bis 2020 bis zu 20 Prozent der Stromproduktion künftig aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Dafür will der Energieriese in den nächsten Jahren rund drei Milliarden Euro investieren. Dazu soll auch in Offshore-Projekte in der Nord- und Ostsee, aber auch in den Ausbau der Wasserkraft im Land investiert werden. Der Energiemanager machte aber auch deutlich, dass schon heute die alternativ produzierte Energiemenge zu manchen Zeiten nicht mehr untergebracht werden könne. Er plädierte dafür, auf der Verbrauchsseite geeignete Planungs- und Steuerinstrumente zu entwickeln. Eine Möglichkeit seien dabei intelligente Stromzähler. Schon heute könne der Kunde dadurch seine jährlichen Kosten um drei bis zehn Prozent reduzieren. Wer in Zukunft aber 20, 30 oder gar 40 Prozent der Energien regenerativ darstellen will, müsse sich auch mit dem Rest beschäftigen, gab Kleih zu bedenken.
In Tübingen werde jede Entscheidung darauf hin überprüft, welche Auswirkungen sie auf den Energieverbrauch und das Klima habe, so Boris Palmer. In Tübingen habe man die Investitionen in den Gebäudebestand verdreifacht, um von dem hohen Energieverbrauch herunterzukommen. Der Oberbürgermeister der Universitätsstadt kritisierte, dass man das im Land in den letzten Jahren genau umgekehrt gemacht habe. "Energie war so billig, da hat es überhaupt keine Rolle gespielt, dass die gebauten Häuser mehr Energie rausließen, als sie drinbehielten." Kritik äußerte Palmer an der EnBW und der baden-württembergischen Landesregierung. Deren Strategie habe jahrelang darin bestanden, die erneuerbaren Energien zu bekämpfen. Palmer ärgert sich dabei besonders über die Haltung der Landesregierung beim Thema Windräder. "Solange die Landesregierung gegen Windräder ist, soll sie mir nicht erzählen, dass sie was für erneuerbare Energien tut." Für den grünen Politiker ist es auch nicht nachvollziehbar, warum die Einspeisevergütung für den Solarstrom schrittweise reduziert wird. "Zuerst haben wir mit Milliardenaufwand eine neue Industrie aufgebaut, und jetzt machen die Chinesen das Geschäft." Ohne politische Hilfe sei die deutsche Solarindustrie in spätestens zwei Jahren kaputt. Palmer regte an, dass über Exportbeschränkungen zumindest diskutiert werden sollte.
"Die Welt besteht aus vielen Ländles"
Für Uwe Möller vom Club of Rome Deutschland besteht die Welt aus vielen Ländles. Die Menschheit gehe nach wie vor davon aus, dass uns 1,3 Planeten zur Verfügung stünden. Entscheidend sei aber nicht, was im Ländle passiere, sondern in den großen Zukunftsmärkten wie China, Indien, Indonesien und Brasilien. Dort, in den großen Ballungszentren in der Dritten Welt, werde sich die eigentliche Zukunft der Menschheit entscheiden. Möller sieht eine Chance nur darin, wenn es uns gelingt, heute die Pilottechnologien der neuen Lebensstile zu entwickeln und den neuen Zukunftsmärkten anzubieten. Gelinge das nicht, sei der Kampf um die Ressourcen dieser Welt unausweichlich. Für den Club of Rome liegt ein Teil der Misere auch darin, dass Energie von den Menschen immer noch nicht richtig gerechnet werde. So sei der Flug von Hamburg nach Stuttgart billiger als die Zugfahrt, rechnet Möller vor und meint: "So etwas ist langfristig nicht mehr tragbar." Selbst die Chinesen wüssten, das unsere Mobilitätsklasse nicht die Zukunft sei. Mit Blick auf die veränderten Lebensstile auf der Welt brauche man völlig neue Technologien und vor allem die Erkenntnis, dass der zentrale ökonomische Faktor die Knappheit der Ressourcen ist. Dieser Denkprozess sei aber erst am Anfang, so Möller.