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Südfrankreich

Geldadel verpflichtet

03.05.2010 - aktualisiert: 30.04.2010 15:10 Uhr

St. Tropez
Der Hafen von St. Tropez ist einer der schönsten am Mittelmeer.
Foto: Bildagentur-online
Der Schönste ist er wirklich nicht. Aber es scheint ihn nicht zu kümmern. Hauptsache, er wird gesehen, fotografiert, bewundert, wenn seine 40-Meter-Yacht im alten Hafen von St. Tropez direkt vor den Restaurants anlegt: Mit nacktem Oberkörper, kurzer Schlabberhose und ein paar Kilo zu viel auf den Hüften lehnt Ex-Formel-1-Magnat Flavio Briatore über der Reling und sieht seinen Matrosinnen bei der Arbeit zu. Kein Wunder: Sie sind außerordentlich attraktiv. Aber von den Schaulustigen am Kai wird nur er fotografiert: Sie haben ihn erkannt, tuscheln, zeigen mit dem Finger auf ihn. Das bestätigt seinen Promi-Status. Er scheint das zu genießen, fährt sich mit der Hand über den nackten Bauch, kratzt sich am Kinn und wirft sich danach aufs Sofa an Deck, wo seine Gespielinnen ihn schon zu vermissen schienen.

Wer nach St. Tropez kommt, will sehen – oder gesehen werden. Sonst wäre er nicht hier. Spätestens seit Brigitte Bardot und Curd Jürgens hier 1956 "Und immer lockt das Weib" gedreht haben, spätestens seit Louis de Funès als hyperaktiver Gendarm Nudisten über die Kinoleinwände jagte, ist das so. Seit halb Hollywood hierher in Urlaub fährt. Und viele andere auch. Sie kommen, weil St. Tropez diesen ganz besonderen Klang hat: nach Sonne und Meer, nach leben und leben lassen. Sie kommen, weil es in dem nur 5.200 Einwohner großen Städtchen alles gibt: vom Edeljuwelier bis zum Fischverkäufer, vom Fachgeschäft für handgemachte Ledersandalen bis zu den Pracht-Boutiquen internationaler Nobelmarken in der Rue Sibili. Und vor allem, weil es wirklich schön hier ist, frei von den anderswo an der Côte d’Azur so weit verbreiteten Hochhaus-Bausünden. Weil die Altstadt mit ihren engen Gassen erhalten ist. Wer es sich leisten kann, kommt mit dem Schiff – wie Briatore. Wer schnell seekrank wird oder gerade keine Zehn-Millionen-Euro-Yacht zur Hand hat, nimmt das Auto und geht Schiffe gucken – und wundert sich schnell, wie diskret doch mancher Bootsbesitzer lebt.

Nicht jeder trägt seine Haut zur Schau. Im Gegenteil: Den Distinguierteren kommt es gelegen, wenn das Schiff lang und hoch genug ist, so dass sie nicht gezwungen sind, auf Augenhöhe mit den Passanten auf ihren Sofas zu lümmeln. Lieber wechseln sie aufs Vorschiff oder auf ihr von Land aus kaum einzusehendes Freideck zwei Etagen höher. Dort haben sie ihre Ruhe auch im größten Trubel. Oder sie bitten Hervé le Fauconnier, ihnen einen Liegeplatz etwas abseits vom ganz großen Rummel zuzuweisen. Er schaut, was er tun kann, und meistens findet er einen Weg. "Manchmal", sagt der Adlige aus der Normandie, "ist der Mann, der den gefärbten Pudel ausführt, der Eigner." Aber manchmal ist es auch der, der den Müllsack an Land bringt. "Die Bandbreite ist es, was unseren Hafen ausmacht: Fischer neben superreich neben ganz normal. Sie mögen das. Und die Flaneure an Land lieben es."

Le Fauconnier ist Hafenkapitän von St. Tropez, oberste Autorität, absoluter Herrscher über Poller, Stege und Kaimauern und über Liegeplätze, die mit Geld kaum zu bezahlen sind und von denen es mindestens zwischen Mai und Oktober immer zu wenige gibt. Meistens sind die knapp 800 Plätze Monate im Voraus vergeben. Am liebsten gibt er sich erst ein wenig schroff, um möglichst nicht zu viel gebeten zu werden. "Bei 30-Meter-Schiffen können wir manchmal was machen, wenn die Warteliste nicht zu lang ist. Bei 75 Metern ist das schwieriger. Für solche Schiffe haben wir nur zwei Plätze." Er hangelt nach seinem Handy, murmelt nicht sonderlich interessiert "Ah, Flavio, buon giorno. Bene, bene." Und kurz darauf auf Französisch so etwas wie "Tut mir leid, nein, nur diese Nacht. Morgen sind wir schon voll."

Ziel ist es, den Hafen ständig in Bewegung zu halten: "Er ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor für die Gemeinde, denn er lockt die Schaulustigen an, die ihr Geld im Ort ausgeben. Die aber kommen nur, wenn den ganzen Tag über Schiffe an- und ablegen und es ordentlich was zu gucken gibt." Cathy Bruno muss sich um die Liegeplätze keine Sorgen machen, Yachten betrachten interessiert sie längst nicht mehr. Sie macht sich jeden Morgen auf den Weg zum selben Boot am selben Steg ganz außen nahe der Befestigungsmauer des Vieux Port. Danach schiebt sie ihre Sackkarre mit den Kisten zweihundert Meter weit bis zu ihrem Verkaufsstand auf dem Markt: Fangfrische Doraden und St. Pierres hat sie beim Fischer erstanden, um sie einen halben Tag lang auf Eis gebettet anzubieten. "Wäre nicht schlecht, wenn zwei Doraden übrig blieben."

Sie will sie zu Hause mit Tomaten und Zwiebeln im Backofen zubereiten. Das ist das Schöne: Mag der Espresso in den Hafenblick-Cafés ein Vermögen kosten, keine 100 Meter weiter beginnt der ganz normale südfranzösische Alltag. Einheimische kaufen bei Cathy genauso wie Ferienhausmieter, Köche ebenso wie Yachtbesitzer. Neulich erst war einer da, so ein schlaksiger jungenhafter Typ, der aussah wie Bill Gates. Und kurz darauf wollte U2-Sänger Bono zwei Hummer haben: "Fast hätte ich ihn nicht erkannt!" Und wenn nicht? "Dann wäre das auch egal gewesen", lacht sie.
 

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