Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 02.01.2003
8 Mile
Die im Schatten sieht man doch
Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
Marshall Mathers, besser bekannt unter dem Künstlernamen Eminem, macht keinen Hehl daraus, woher er stammt: Aus ganz kleinen Verhältnissen, in denen vorwiegend ethnische Minderheiten leben oder Leute, die von wohlsituierten weißen Amerikanern gerne als "White Trash" bezeichnet werden. Der Rapper Eminem therapiert sich, indem er seine Herkunft, Gewalt, Hass, Machismo und sogar Familieninterna wie das gestörte Verhältnis zu seiner Mutter in Songs wie "Cleaning Out My Closet" so scharfzüngig wie respektfrei hinausschreit.
Mit Alben wie "The Eminem Show" hat er den Seelenstriptease voyeuristischer Bekenntnis-Talk-Shows zum Inhalt von Popmusik erhoben, und allen Widerständen der Sittenwächter zum Trotz erkannten Millionen in seinen Texten US-amerikanische Realität wieder. Eminem ist einer der erfolgreichsten Popmusiker des Jahres 2002, belagert hartnäckig die Charts und wurde mit zwei Grammys ausgezeichnet.
Regisseur Curtis Hanson, der in "L. A. Confidential" schon polizeiliche Korruption differenziert vorführte, hat nun die Filmkamera wie ein Brennglas auf jene gerichtet, die im Schatten des amerikanischen Wohlstands leben. Und er hat den idealen Hauptdarsteller dafür gefunden: Eminem.
Wir schreiben das Jahr 1995. "8 Mile" heißt die Straße, die Detroit in Arm und Reich teilt. Jimmy (Eminem), seine Mutter (sensationell: Kim Basinger) und seine kleine Schwester Lilly sind nahezu die einzigen Weißen im Viertel. Jimmy hat keinen Job, aber einen Traum, den er mit hunderten Heranwachsender teilt: Ein Rap-Star zu werden und dem Elend zu entfliehen.
Jimmys Freund Future (Mekhi Phifer) möchte, dass er an einem Rap-Battle in dem kleinen Club Shelter teilnimmt, doch Jimmy, der sich auf der Bühne Bunny Rabbit nennt, versagen die Nerven. Zugleich lockt ihn der windige Wink mit großen Worten, verspricht, ihn ins Geschäft zu bringen. Und schließlich setzen Papa Doc und seine Gang alles daran, den Aufstieg des kleinen Weißen zum Rap-König zu verhindern.
Curtis Hanson ist tief eingetaucht in das Milieu, in dem HipHop entstanden ist. Da stimmt jede Redewendung, wirkt keine Figur fremd in der Welt verfallener Gebäude und alter Autos. Battles auf der Bühne, im Abbruchhaus, vor dem Werkstor bestimmen die Auseinandersetzung, sind das Ventil, um Dampf abzulassen. Eminem gibt der Anspannung ein Gesicht: Stets ist das Brodeln hinter seinen nachdenklichen, ernsthaften Zügen spürbar, steht in seinen Augen das Ringen darum, es nicht zum unkontrollierten Ausbruch kommen zu lassen.
Hanson klagt nicht an, er konstatiert nüchtern. Jimmys lebensunfähige Mutter (Kim Basinger) hängt an einem 20 Jahre jüngeren Kerl, der sie verachtet; Jimmy erlebt die Tretmühle des Malochens in einer Stanzfabrik. Menschliche Nähe erscheint nahezu unmöglich: Jimmy hat in einer Pause zwischen Stahlteilen schnellen Sex mit der mondänen Alex (umwerfend: Britanny Murphy), und es ist klar, dass keiner von beiden mehr geben kann als das.
Jimmys leicht debiler Freund Cheddar Bob (Evan Jones) zieht im Streit eine Feuerwaffe, ohne zu merken, wie sich dadurch die Dimension des Konflikts verändert. Und die Kids stecken ein altes Haus in Brand, weil in dessen Schutz ein Mann ein Mädchen vergewaltigt hat und die Stadt solche Ruinen einfach stehen lässt - Selbstjustiz in Sachen Kriminalitätsprävention.
Hanson hat aus der Selbsttherapie eines Einzelnen eine Therapie für ein ganzes Land gemacht. Millionen haben den Film in den USA bereits gesehen, während in Washington Sozialprogramme gekürzt werden und der Rüstungsetat in astronomische Höhen steigt. Noch hält Amerika die Augen fest geschlossen. Aber der Gegenwind wird stärker.
Bernd Haasis
02.01.2003 - aktualisiert: 27.01.2003 16:23 Uhr