Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 16.01.2003
Das fliegende Klassenzimmer
Gefühlte Ideale
Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
Als Jonathan (Hauke Diekamp) in Leipzig eintrifft, sind seine Gefühle sehr gemischt. Natürlich ist es ein Privileg, sich zu den Thomanern zählen zu dürfen, aber der Junge hasst Internate. Doch diesmal ist alles anders. Seine Stubenkameraden sind ausnahmslos in Ordnung, Direktor Kreuzkamm (Piet Klocke) und Lehrer Justus Bökh (Ulrich Noethen) verbergen unter mäßig harter Schale einen weichen Kern.
Seine neuen Freunde zeigen Jonathan ihr Refugium, einen alten Eisenbahnwaggon. Der gehört dem geheimnisvollen Nichtraucher (Sebastian Koch), der ihnen Beistand bietet. Eines Tages entdecken die Jungs das Manuskript zu einem Stück namens "Das fliegende Klassenzimmer". Lehrer Justus hat von den Schülern eine besonders spektakuläre Weihnachtsaufführung verlangt, und diese Schwarte bildet die perfekte Grundlage. Doch als Justus Zeuge der Proben wird, flippt der sonst so ausgeglichene Lehrer völlig aus ...
Damit Erich Kästners "Fliegendes Klassenzimmer" heutzutage keine Bruchlandung hinlegt, hat man der Geschichte eine Frischzellenkur verabreicht. Die Ansiedlung der Handlung bei den Thomanern in Leipzig macht nicht nur das Internat plausibel, das in seiner breit gefächerten sozialen Zusammensetzung heute eine Ausnahmeerscheinung darstellt; sie ermöglicht auch die Anreicherung der Erwachsenen-Vorgeschichte mit deutsch-deutscher Problematik. Die Freunde Bökh und Nichtraucher wurden einst durch Republikflucht getrennt - im Film wirkt das nicht so aufgesetzt, wie man befürchten mag.
Dass die Kästnerschen Zeilen in einer Schulaufführung von heute als Rap vorgetragen werden, mag manchem erwachsenen Zuschauer schwer im Magen liegen - den Kids wird’s gefallen. Schließlich ist es ihr Film, da bedeuten auch ein paar kleine Unsicherheiten der Kinderdarsteller nicht den Untergang. Der Regisseur Tomy Wigand hat einen rundum sympathischen Film gemacht. Viel Gefühl ist erlaubt, wenn man Ideale wie Freundschaft, Respekt und Loyalität zelebriert.
André Wesche
16.01.2003 - aktualisiert: 24.01.2003 16:09 Uhr