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Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten

Schwierige Koalitionen in einer Welt aus den Fugen

17.12.2002 - aktualisiert: 28.01.2003 16:26 Uhr

"Die zwei Türme": Der zweite Teil von Peter Jacksons Verfilmung des "Herrn der Ringe" kommt ins Kino
 

Der Auserwählte trägt schwer an seiner Bürde. Mit jedem Schritt, den der kleine Hobbit Frodo Beutlin dem Schattenreich Mordor näher kommt, zieht es den Ring der Macht stärker zu seinem Herrn, dem dunklen Despoten Sauron, dessen brennendes Auge Frodo ständig auf sich gerichtet fühlt.



In Teil zwei der Verfilmung des "Herrn der Ringe" ist dieses Auge nicht mehr nur eine Ahnung, die albtraumhaft in Frodo aufblitzt. Regisseur Peter Jackson zeigt es nun als Flammenkugel über Barad-dûr, dem Sitz Saurons. Ein weithin sichtbares Zeichen, dass die Welt nicht mehr nur im Wandel ist, wie der Zauberer Gandalf vorhergesehen hat. Sie ist nun aus den Fugen geraten. Die Gefolgschaft, die Frodo begleiten und den Ring seiner Vernichtung zuführen sollte, ist zersprengt, die Bedrohung ist zum Krieg geworden: Der korrumpierte Zauberer Saruman schickt 10 000 schreckliche Uruks gegen das kleine Königreich Rohan.



Bruchlos reiht Jackson den zweiten Film an den ersten, und es macht sich bezahlt, dass er alle drei Teile auf einmal gedreht hat. Anders als etwa bei "Star Wars" wirken Jacksons Werke wie aus einem Guss. Wie der Konflikt eskaliert, so entfesselt Jackson die Magie seiner Bilder.



Das Zeitalter der wundersamen Elben ist zu Ende, jenes der Menschen soll anbrechen. Doch diese haben sich eingerichtet unter der Bedrohung, erwachen nur langsam aus ihrer Lethargie. Koalitionen sind schwierig: Die langmähnigen Reiter von Rohan sind ein eigenbrötlerisches Kriegervolk, belächelt von den Bürgern von Gondor, die sich gern als Nabel menschlicher Kultur begreifen. Jackson hat historische Analogien gefunden: Wie Festlandswikinger muten seine Rohirrim an, in Gondor hausen Florentiner in antiker Achitektur.



Theoden, König von Rohan, steht unter dem Einfluss Sarumans. Erst der wiederkehrende Gandalf (Ian McKellen) kann ihn davon befreien. Und Faramir, Heeresmeister von Gondor, droht wie sein Bruder Boromir der Verlockung des Rings zu erliegen, als er Frodo in seine Gewalt bekommt. Der tapfere Aragorn (stark: Viggo Mortensen) aber leidet unter der unerfüllbaren Liebe zur Elbentochter Arwen (Liv Tyler), die ihm in Todesnähe ein telepathisches Lebenssignal schickt, ehe sie Mittelerde verlässt. Ihr Vater Elrond hat sie zur Abreise bewegt. Seine Schreckensvision der unsterblichen Elbin am Grab ihres längst verstorbenen Menschenmannes ist bei Jackson eine eisige Traumsequenz, die den Atem stocken lässt. Aragorn lockt derweil eine neue Verehrerin: Eowyn, wehrhafte Schildmaid von Rohan. Sie wird gespielt von der talentierten Australierin Miranda Otto, die in einer Welt am Abgrund mit jeder Faser ihres Körpers die Leidenschaft des Lebens verströmt.



Tolkiens Roman ist nichts für zarte Seelen. Die Schlachten sind ausführlich beschrieben, und Jackson war bei deren Inszenierung alles andere als zimperlich. Bei der Schlacht um Helms Klamm rollen Köpfe, stapeln sich die Leichen. Ganz nah geht Jackson ans Gemetzel heran, verliert aber seine Protagonisten nie aus dem Blick: Aragorn, der Zwerg Gimli, der Elbe Legolas stemmen sich gegen die Übermacht, vollbringen Husarenstückchen, geben der Hoffnung Namen und Gesichter. Die feindlichen Uruks hingegen erregen kaum Mitleid: Ihre Fratzen erinnern an Jacksons Vergangenheit als Horrorfilm-Regisseur. Nur selten schmust dieser offen mit Hollywood, etwa wenn das letzte Aufgebot der Elben in Reih und Glied marschiert oder Legolas jugendlich-frisch auf einem Schild den Schutzwall hinuntergleitet wie auf einem Skateboard.



Ein Wunder der Animationstechnik ist der bleiche Gollum, der rohen Fisch verschlingt und Frodo auf allen Vieren folgt, um ihm den Ring zu rauben. "Er hat unseren Schatz gestohlen, wir müssen ihn töten", zischt Gollum. "Aber der Herr hat versprochen, auf uns aufzupassen", antwortet weinerlich sein Alter Ego Smeagol. Ausgerechnet Frodo ist es gelungen, den alten Smeagol zu erreichen, der ein Hobbit war, ehe der Ring seine Seele vergiftet und ihn in Gollum verwandelt hat. Nun wird dieses gespaltene Wesen, das den Konflikt ganz Mittelerdes widerspiegelt, zum Führer: Nur Gollum kennt den Weg nach Mordor.



Auch Frodo spaltet sich zusehends. In klaren Momenten bleibt Elijah Wood zurückhaltend, mimt mit großen Augen voller Weichheit Güte und Angst. Umso erschreckender sind sporadische Wutausbrüche unter dem Einfluss des Rings. Einmal droht Frodo daran zu zerbrechen. Warum sie die Reise nach Mordor überhaupt fortsetzen sollten, möchte er wissen. "Weil es etwas Gutes gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt", sagt sein treuer Gefährte, der wackere Sam Gamdschie, ganz einfach. Er weist allen Großen den Weg: Unbeirrt treibt er Frodo voran, den Menschen ihr Zeitalter zu retten.
 

Bernd Haasis