Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 30.01.2003
Catch Me If You Can
Läuterung eines Hochstaplers
Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
Wo sich Hochstapler tummeln, da ist Potenzial für eine Komödie, denn wenn Menschen sich verstellen, führt dies unweigerlich zu Irrungen und Wirrungen. Getreu diesem Motto und entlang einer wahren Geschichte hat Steven Spielberg seinen jüngsten Film inszeniert.
Jugendidol Leonardo DiCaprio, bei Auftritten im realen Leben eher verstockt, zeigt in der Hauptrolle, wieso er bei den großen Regisseuren hoch im Kurs steht: Ganz locker und beschwingt spielt er den minderjährigen Betrüger Frank Abagnale, der sich als Flugkapitän, Arzt und Rechtsanwalt ausgibt, von gefälschten Schecks lebt und mit all dem wunderbar durchkommt.
DiCaprios Hochstapler wird von allen geliebt, die er betrügt, und das hat seine Gründe: Er lockert peinliche Situationen, indem er schelmisch-bubenhaft lächelt, er produziert auf Knopfdruck unschuldige Augenaufschläge, die jeden Zweifler erweichen, und er mogelt sich durch brenzlige Situationen, indem er forsch in die Offensive geht. Vor allem aber stimmt Abagnales Garderobe immer, womit einmal mehr bewiesen wäre, wie viel innere Werte wirklich zählen.
Selbst sein härtester Verfolger, der FBI-Mann Carl Hanratty (Tom Hanks), geht Abagnale auf den Leim: Er erwischt den Delinquenten inmitten belastenden Beweismaterials, doch dieser verwirrt Hanratty gekonnt - und entwischt ihm noch einmal.
Unterstützt wird DiCaprios Spiel mit Identitäten durch eine Kulisse und Kostüme, die den Zuschauer direkt zurückversetzen in die 60er Jahre. Geschmackvolle Inneneinrichtungen, Pan-Am-Stewardessen in himmelblauen Uniformen und pastellfarbene Cabrios verströmen jenes Flair, das dem Jahrzehnt und seinen Accessoires bis in die Gegenwart eine treue Anhängerschaft sichert. Auch Spielberg bekennt sich dazu: Einen Film wie "Catch Me If You Can" hätte Blake Edwards vor 40 Jahren inszenieren können.
Mit einem Unterschied. Edwards hätte seiner entwurzelten, elternlosen Hauptfigur ihre Eskapaden verziehen und ihr eine für alle Seiten erquickliche Pointe gegönnt. Der Pathos-anfällige Spielberg aber setzt auf eine Läuterung, bei der nicht nur der Sympathieträger sein Strahlen einbüßt, sondern auch der Tonfall der Erzählung kippt.
Ausgerechnet der von der Welt verlassene, auf väterliche Autorität erpichte Hanratty, den Tom Hanks als unsympathischen Misanthropen und Besserwisser verkörpert, soll dem verlorenen Sohn Abagnale den Weg in eine rechtschaffene Zukunft weisen. Von diesem Rückfall in den strengen Mief der 50 Jahre erholt sich die Komödie nicht mehr - ächzend endet sie vor ihrer Zeit.
Auch ohne die geniale letzte Wirrung, wie sie Blake Edwards oder Billy Wilder um der Leichtigkeit willen wohl ersonnen hätten, ist Spielbergs Film eine liebevolle Hommage, die auf jeden Fall eines garantiert: solide Unterhaltung.
Bernd Haasis
30.01.2003 - aktualisiert: 30.01.2003 09:59 Uhr