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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 22.05.2003

Matrix - Reloaded

Ein Messias hat manchmal Pflichten

Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
 

Ein Krieg zwischen Menschen und Maschinen hat die Sonne verdunkelt, die siegreichen Computer halten fürderhin Menschen als Energiespender in riesigen Wabenstöcken, angekoppelt an eine virtuelle Scheinwelt - die Matrix. Nur einige freie Menschen fristen ein karges Dasein im Erdinnern und leisten Widerstand. Unterfüttert mit Fragen nach dem menschlichen Sein schufen Andy und Larry Wachowski aus dieser Dystopie des Informationszeitalters einen Kultfilm und setzten Maßstäbe bei der Action-Tricktechnik - die rasante Kameraumkreisung zweier Akteure heißt heute "Matrix-Shot".

Die Fortsetzung wurde unter anderen Vorzeichen gedreht: Die Produzenten gewährten den Brüdern 300 Millionen Dollar, um Teil zwei und drei (Start im Herbst) am Stück zu drehen. Mit dem Budget kam der Erfolgsdruck und die Angst vor der eigenen Courage. Nur so ist zu erklären, dass ganze Sequenzen fatal an "Star Wars" erinnern: Die verhärmte Schiffsbesatzung kommt in die letzte Festung Zion, wo hunderte von Menschen leben, allesamt weit gewandet kostümiert, mit Tand behängt und außerirdisch frisiert. Die vernachlässigte Ehefrau muss lernen, dass die Mission wichtiger ist, der Militärkommandant, dass der Senat entscheidet, Neo, dass ein Messias manchmal öffentliche Pflichten statt Sex hat. Und das Volk darf zu Trommelrhythmen die Heilsverkündigung des großen Morpheus feiern.

Erst nach der halbstündigen Fantasy-Folklore beginnt der eigentliche Film, der viele neue Kniffe birgt, den aber niemand verstehen wird, der Teil eins nicht kennt.

Held Neo soll ins Herz der Matrix vordringen, um sie abzuschalten. Dabei muss er sich mit Agent Smith herumschlagen, der sich nun beliebig vervielfachen kann. Einer gegen hunderte - eine spektakuläre Kampfszene unter vielen in diesem Film, der zudem eine turbulente Motorradjagd zu bieten hat. Wer anhaltende Ballerei aus schweren Waffen und schnelle Schnitte nicht erträgt, für den ist die Matrix sicher der falsche Ort.

Auch das Virtuelle hat einen Untergrund: Das Orakel entpuppt sich als abtrünniges Programm, das sich seiner Löschung entzogen hat. Genau wie der frankofile Merowinger (Lambert Wilson), der im Nobellokal einer Dame ein Dessert schickt, das in ihr die Wollust weckt. Er folgt ihr auf die Toilette, und seine Frau Persephone (mondän: Monica Bellucci) rächt sich. Sie liefert Neo, Morpheus und Trinity den Schlüsselmacher, der Türen in der Matrix öffnen kann. Die Bedingung: Neo soll sie küssen, als wären sie frisch verliebt. Trinity ist wenig begeistert, dafür aber der Zuschauer - über diesen brillant inszenierten Geniestreich.

Keanu Reeves als Neo und Carrie-Anne Moss als strenge Trinity knüpfen nahtlos an Teil eins an, Laurence Fishburne als Morpheus aber wirkt ein wenig müde - so wie manche seiner philosophischen Ergüsse und sein Glaube an Erlösung, der schließlich ganz ins Wanken gerät.

Wenn Neo Trinity am Ende eine tödliche Kugel aus dem Herzen fischt, wie es nur ein Auserwählter kann, bricht die Illusion erneut, sind die Regisseure wieder bei George Lucas’ Sternenkrieg angekommen, der einst Joseph Campbells Mythos von der Reise des Helden zum Kinostandard machte. Ein Pyrrhussieg der Marketingmaschine - noch hat die Menschheit ja die Wahl, was sie sich vorgaukeln lassen möchte.
 

Bernd Haasis

22.05.2003 - aktualisiert: 22.05.2003 10:11 Uhr

 


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