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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 22.05.2003

Aus heiterem Himmel

Selbstfindung im Irgendwo

Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
 

Man sieht’s ihr sofort an: Unzufrieden ist sie. Unzufrieden mit ihrem Job als Dessousverkäuferin, unzufrieden mit ihrer Figur, an der die Dessous nicht so wirken wie an den Models, die für die heißen Höschen werben. Dass diese Unzufriedenheit der Ausgangspunkt für alle weiteren Ereignisse sein wird, begreift der Zuschauer schnell.

Er wird aber kaum ahnen, dass die pummelige Verkäuferin Marcia von zwei lesbischen Punks entführt werden wird und so eine Art Zwangs-Siddharta erlebt, einen gewaltsam auferlegten Selbstfindungsprozess. Die ikonenhaft dreinblickende Lesbe Mao nämlich, eine Art postmoderne Jane Dean, rebellisch, cool, lässig, hat sich holterdiepolter in Marcia verliebt und möchte sie ebenso holterdiepolter verführen. Dafür kidnappt sie Marcia und torpediert verbal deren standardisiertes Lebenskonzept.

Mal was Neues und durchaus hintersinnig, möchte man meinen. Konventionen hinterfragend, nicht auf schönen Frauenschein bedacht, nein, hier werden sogar Speckwülste gezeigt, faltige Haut, knochige Rücken. Auch die Idee, dass Freiheit und Selbstbewusstsein nur in offenen Konflikten gedeihen, riecht nach einem Thema.

Doch so viel Potenzial Regisseur Diego Lermans Roadmovie hat, die Straße führt ins Nirgendwo. Was noch poetisch klänge, wären da nicht die vielen Zwischenstopps im Irgendwo. So kommt es, dass der Regisseur seine Marcia verliert, während die sich selbst findet. Schade eigentlich.
 

js

22.05.2003 - aktualisiert: 22.05.2003 10:15 Uhr

 


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