Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 28.05.2003
Russian Ark
Geschichte im Vorbeistreifen
Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
Keine Frage: Dieser Film muss gelobt werden, dafür muss man ihn noch nicht einmal angeschaut haben. Allzu beeindruckend sind die Innovationen, mit denen die Produktionsfirma für "Russian Ark" wirbt: Gedreht ist der ganze Film in einer einzigen, ungeschnittenen Einstellung. 90 Minuten, gefilmt an einem Stück. Und als wäre das nicht genug, ist auch der Schauplatz hoch exklusiv: die St. Petersburger Eremitage, eines der bedeutendsten Museen der Welt und für schnöde Dreharbeiten eigentlich tabu.
Nun ist "Russian Ark" auch kein Film wie jeder andere, sondern Kunst, zumindest wenn man den Versuch, radikal Neues zu schaffen und gängige Begrenzungen des Machbaren zu sprengen, als Kunstdefinition zu Hilfe nimmt. Einer stringenten Narration entzieht er sich: Auf wundersame Weise findet sich ein zeitgenössischer russischer Filmemacher, das Alter Ego des Regisseurs Alexander Sokurov, in der St. Petersburger Eremitage des frühen 18. Jahrhunderts wieder. Dort trifft er auf einen französischen Diplomaten aus dem 19. Jahrhundert. Gemeinsam streifen sie durch die opulenten Gänge und treffen auf ihren Erkundungen treppauf, treppab unter anderen Zarin Katharina, Peter den Großen und das Ehepaar Puschkin. Sie betrachten Bilder und begegnen, quasi im Vorbeigehen, der russischen Geschichte der vergangenen 300 Jahre. Das Museum wird zur Arche, die auf liebevolle Weise Russlands Kunst und Geschichte bewahrt.
"Ich habe es satt, zu schneiden", gibt der Regisseur als Grund für sein Experiment an - in Zeiten, in denen mit Kinoinnovation vor allem schnelle Schnittfolgen gleichgesetzt werden, ein gewagtes Unterfangen. Und auch kein völlig geglücktes. Natürlich verdient gerade die Leistung des deutschen Kameramannes Tilman Büttner ("Lola rennt", "Absolute Giganten") höchste Anerkennung. Eine Spielfilmlänge ist er als wandelnde Steadycam die langen Gänge entlanggewandert und hat schöne, langsame Bilder aus einer fremden Zeit mitgebracht.
Doch die Dialoge zwischen dem französischen Marquis und dem Regisseur, der lediglich als Kameraauge auftaucht, sind bisweilen anstrengend pointenlos. Einmal fragt der eitle Marquis die Besucher der Kunstsammlung: "Sind Sie an wahrer Schönheit interessiert oder nur daran, wie sie dargestellt wird?" Es scheint, als hätte sich auch Alexander Sokurov nicht ganz entscheiden können.
Barbara Gärtner
28.05.2003 - aktualisiert: 28.05.2003 10:34 Uhr