Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 13.06.2003
Herr Wichmann von der CDU
Dinge des Lebens
Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
Offenbar muss man nur die Kamera lange genug auf den Politikbetrieb halten, dann zeigt er sich in seiner Absurdität: Kurzweilig, tragikomisch und ernüchternd ist der Dokumentarfilm "Herr Wichmann von der CDU", den Andreas Dresen im September 2002 über den Wahlkampf des 25-jährigen CDU-Bundestagskandidaten Henryk Wichmann gedreht hat. Dabei macht sich Dresen niemals über seinen Protagonisten lustig, er bleibt neutraler Beobachter. So entlarvt er das Wesen des Wahlkampfs, die populistischen Sprüche, die Materialschlacht, die Hinterzimmer-Veranstaltungen. In einer Szene schreiben die Kandidaten aller Parteien zusammen ein Wahlplakat. Das Ergebnis: In ihrer Diskussion verwischen die politischen Unterschiede, am Ende stehen nur Allgemeinplätze auf dem Papier. Wichmann ist eine Art Stereotyp, mal ein eifriger, anbiedernder Karrierist, mal ein selbstloser, engagierter Demokrat und vor allem ziemlich hilflos. Als im Seniorenheim ein alter Mann von seiner Einsamkeit und Traurigkeit erzählt, kann der 25-Jährige denn auch nur antworten, dass man sich über die kleinen Dinge im Leben freuen müsse.
Alexia Angelopoulou
13.06.2003 - aktualisiert: 13.06.2003 10:24 Uhr