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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 28.08.2003

Tränen der Sonne

Die Ärztin und der Kämpfer

Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
 

Nur Zufall? Kurz nachdem US-Präsident Bush seine Afrikareise beendet hat, läuft "Tränen der Sonne" in den Kinos an. Ein Film wie geschaffen, um das düstere, medial einseitig aufbereitete Afrika-Bild dieser Tage zu untermauern: ethnische Kriege, Plünderungen, Vergewaltigungen. Dieser Kontinent, das weiß man spätestens nach "Tränen der Sonne", braucht ein politisch-militärisches Carepaket.

Und hier ist es, stapft mit noch frischer Narbe vom letzten Einsatz über den Flugzeugträger: Bruce Willis alias Lieutenant Waters, ein wortkarger, knarziger "It’s just my job"-Ritter. Er soll in Antoine Fuquas Inszenierung mit seinen Jungs, alle vom Typus Eisenhans mit breitem Kiefer und tiefbassiger Stimme, eine US-Ärztin (die obersten Blusenknöpfe immer offen: Monica Bellucci) aus dem schwülfeuchten Dschungel eines Krisengebiets in Nigeria herausklabaustern.

Mal wieder ein politischer Bruce-Willis-Streifen: eine christliche Mission wird von Muslim-Rebellen überfallen, die die demokratische Regierung gestürzt haben.

Alles klar? Der US-Lieutenant stellt Gewissen über Mission und rettet neben der quengelnden und nölenden Ärztin auch Zivilisten vor animalischen Söldnern. Die dankbaren Schwarzen huldigen dem gewohnt sexy ins Khaki blutenden Waters-Willis unter Tränen: "Gott wird sie immer lieben".

Waters und damit das politische System, das er vertritt, werden spätestens hier als Erlöser, als Märtyrer und als Messias glorifiziert. Die Afrikaner? In dieser "sentimentalen Fantasiewelt" seien sie aufgeteilt in "Schurken und kulleräugige, kindliche Unschuldige" urteilte trefflich die "New York Times". Sicher: Die Bürgerkriege, Genozide und Massaker in Afrika, sie schreien nach Erlösung. Aus eigener Kraft hat der nach dem vorschnellen Rückzug der Kolonialmächte destabilisierte Kontinent kaum eine Chance. Angesichts des realistisch dargestellten Schlachtens fieberte man mit Waters vielleicht sogar mit, wäre da nicht die tumbe Rahmenhandlung, wäre da nicht die latent-erotische Groschenromanbeziehung zwischen der heroischen Ärztin und dem mitfühlenden Kampfspezialisten. So verfestigt "Tränen der Sonne" vorrangig ein Afrika-Bild, das der schwedische Erfolgsschriftsteller Henning Mankell einmal wie folgt beschrieben hat: "Jeder weiß, wie Afrika stirbt. Kaum einer weiß, wie es lebt."
 

Jörg Scheller

28.08.2003 - aktualisiert: 28.08.2003 10:12 Uhr

 


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