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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 05.11.2003

Matrix Revolutions

Wenn Schöpfer die Kontrolle über ihr Werk verlieren

Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
 

Wie ein Hornissenschwarm brechen die Flugmaschinen über die letzten freien Menschen in der unterirdischen Stadt Zion herein. Zunächst schwärmen sie ziellos im Kreis, um dem hoffnungslos unterlegenen Gegner Auftritte fürs Herz und der Dramaturgie Aufschub zu gönnen.

Ein minderjähriger Waffenhelfer darf da zum militärischen Helden werden, weil er alles gegeben hat fürs Vaterland, und zwei tapfere Frauen treffen die Maschinen mit der Zimmerflak empfindlich, ehe wie bei "Enterprise" diejenige der beiden stirbt, die für die Handlung nicht mehr gebraucht wird.

In "Matrix Revolutions" scheint also alles so, wie in vielen Action-Thrillern aus der Traumfabrik: Knalleffekte allerorten. Doch bei der Trilogie, deren letzter Teil am heutigen Mittwoch weltweit in die Kinos kommt, liegt der Fall anders. Hier ging es nicht von Anfang an um nichts. In Teil eins wurde nicht weniger verhandelt als große Zukunftsfragen der Menschheit: Könnten intelligente Maschinen sich gegen ihre Schöpfer wenden, Menschen in Waben halten, um ihre Körperwärme als Energiespender zu nutzen, und ihnen dabei eine perfekte virtuelle Illusion von Leben vorspiegeln?

Eingebettet in einen stringenten Thriller mit revolutionärer Tricktechnik, reflektierten die Hauptfiguren dieses Thema in "Matrix" ausgiebig und anregend, ohne ihre Zuschauer zu ermüden. Schon im zweiten Teil vernebelten endloses Effektgepolter und pathetisches Gedöns um die unterirdisch kostümierte Laientheatergruppe in Zion den Blick aufs Wesentliche: dass die Matrix einen Untergrund hat, in dem Programme sich autonome Sphären einrichten, dass den Maschinen wie einst den Menschen ihre Schöpfung zu entgleiten droht.

Wieso in Teil drei ausgerechnet der Agent Smith (Hugo Weaving), eine Art Sicherheitssoftware der Maschinen, die Matrix übernimmt, bleibt im Dunkeln. Auch, warum die Maschinen ihrem virtuellen Raum und damit Smith nicht einfach den Saft abdrehen, anstatt sich mitten im Krieg mit dem Feind in Gestalt des menschlichen Erlösers Neo (Keanu Reeves) einzulassen. Doch die namensgebende Matrix ist ohnehin nur noch Nebenschauplatz und die Schlacht um Zion zum letzten Rückzugsgefecht einer totalen inhaltlichen Verirrung geworden. Den Filmemachern Larry und Andy Wachowski ist es mit ihrem Stoff so gegangen wie den Maschinen mit ihrem Agenten Smith: Sie haben die Kontrolle über ihn verloren.

Der Protagonist Neo ist über weite Strecken nurmehr ein Spielball. Mal sitzt er in der Matrix im Einflussbereich des Merowingers fest, der ansonsten keine Rolle mehr spielt, dann beraubt ihn ein in die Realität eingeschleuster Smith-Klon seiner Augen. Sehen kann Neo dennoch, denn er ist nun auch außerhalb des virtuellen Raums mit den Gaben eines echten Messias gesegnet.

Die tapfere Kriegerin Trinity (Carrie- Anne Moss) erwischt es ausgerechnet bei einem Verkehrsunfall, während Morpheus (Laurence Fishburne), einst Motivator und Glaubensspender, zum schlaffen Zauderer verblasst. Das Orakel stochert wieder im Nebel, und es ist der Architekt, der am Ende andeutet, dass es vielleicht eines vierten Teils bedürfte, um der Trilogie Sinn zu geben.

Und die Wachowski-Brüder verraten nicht nur ihre Schlüsselfiguren, sondern bleiben auch eine Auflösung schuldig. Von Frieden ist die Rede, als die Maschinen zum Rückzug aus Zion blasen. Ob sie aber ihre Energie weiterhin von den in den Waben dahinvegetierenden Menschen beziehen werden, bleibt ebenso unklar wie die Zukunft der Matrix und Neos Schicksal.

Das Phänomen, inhaltlich nackten Filmen die vermeintliche Sinnhaftigkeit großer Zukunftsfragen als Feigenblatt anzulegen, macht Schule. Steven Spielberg gelang es in "Minority Report", einen Überwachungsstaat und die Versklavung visionärer Menschen zu zeigen, ohne dazu nur eine einzige Frage zu stellen. Die Wachowskis behaupten in ihrem aktuellen Werbeslogan: "Was einen Anfang hat, hat auch ein Ende". Sie haben ihn nicht nur nicht eingelöst, sondern sogar widerlegt. Ihr erster von drei Filmen steht wunderbar für sich alleine.
 

Bernd Haasis

05.11.2003 - aktualisiert: 05.11.2003 14:24 Uhr

 


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