Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 06.11.2003
Vom Westen unberührt
Das flirrende Licht der Wüste
Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
In der Sahara finden Jäger den Waisenknaben Alifa und nehmen ihn in ihre Sippe auf. Als Erwachsener verlässt er den Stamm, um als Krieger die fremdartigen Eindringlinge aus dem Norden zu bekämpfen. Vor dem Hintergrund der französischen Kolonialherrschaft erzählt dieser Film die Geschichte von Alifa stellvertretend für den Niedergang der letzten freien Menschen im Afrika vor 100 Jahren.
Dem Drehbuch liegt ein Roman von Diego Brosset zu Grunde. Den jungen französischen Offizier faszinierte das Leben der Nomaden, die nie zuvor mit dem Abendland in Berührung gekommen waren. Gleichzeitig war sich Brosset seiner eigenen Rolle beim Niedergang dieser fremden Kultur bewusst, und er versuchte, wenigstens sein Wissen für die Nachwelt zu bewahren.
Vieles davon trifft sicher auch noch auf das heutige Nomadendasein zu. Das Leben in der Wüste ist beinahe unmenschlich hart und hat nichts gemein mit den romantischen Zerrbildern einer Tapetenlandschaft aus sanften Dünen und Palmen.
Wüste bedeutet in diesem Film vor allem Sand, Wind und ständige Gefahr, ihre Bewohner müssen die Fähigkeit besitzen, sich voll und ganz anzupassen, wenn sie überleben wollen. Der Fotograf und Regisseur Depardon versucht, das Wesen dieser ursprünglichen Beziehung von Mensch und Natur einzufangen. Die harten, stillen und beeindruckenden Bilder einer immer gleichen Landschaft ohne Horizont benötigen keine Farbe. Gelegentlich erhellt eine Erzählstimme die wenigen landessprachlichen Dialoge. So verschwimmen die Grenzen zwischen Spielfilm und Dokumentation buchstäblich im flirrenden Licht der Wüste. Sehenswert.
Henning Dedekind
06.11.2003 - aktualisiert: 06.11.2003 11:13 Uhr