Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 13.11.2003
Auberge Espagnole
Wohngemeinschaft Europa
Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
Europa könnte so schön sein. Begegnung, Austausch, Verständigung über Sprach- und Ländergrenzen hinweg, davon träumten die Väter der kontinentalen Einigung in den 50er Jahren. Das Ergebnis ist für viele Europäer heute nur mehr ein sprödes Brüssler Verwaltungsungetüm. Jetzt lässt ein Kinofilm die alte Vision wieder auferstehen.
Xavier (Romain Duris), 25-jähriger Wirtschafts-Student aus Paris, soll in Barcelona im Rahmen des europäischem Austausch-Programms Erasmus sein letztes Studienjahr absolvieren. Dort eine Wohnung zu finden scheint nahezu unmöglich, bis er in einer multinationalen Studenten-WG landet. Die Engländerin Wendy, die Spanierin Soledad, der Deutsche Tobias, der Italiener Alessandro leben auf engstem Raum europäische Annäherung, teilen Lust und Sorgen und haben die üblichen WG-Probleme mit nicht eingehaltenen Reinigungsplänen.
Klapisch spielt mit europäischen Klischees, erliegt ihnen aber auch. Einerseits zeigt der Regisseur eine Generation, die sich jenseits nationalstaatlicher Kategorien definiert und differenziert denkt: Die Kastilierin wehrt sich gegen das andalusische Flamenco-Klischee, während der Professor sich weigert, seine Vorlesung auf Kastilisch zu halten, schließlich ist Barcelona die Hauptstadt Kataloniens. Andererseits ist der Deutsche tatsächlich eine ordentliche Spaßbremse, der Italiener ein unzuverlässiger Chaot, die Britin total verklemmt und der Amerikaner Bruce, der sie dann durchlockern darf, ein kulturloser Hohlkopf.
Dass manches an der Oberfläche bleibt, liegt daran, dass sich der Regisseur nicht hundertprozentig auf das Leben und Lieben seines fröhlichen Studenten-Ensembles eingelassen hat, nicht einmal jedem seiner Charaktere einen vertiefenden Auftritt gönnt. Stattdessen widmet er sich intensiv seinem Protagonisten, der erwachsen werden soll und es mit einer kratzbürstigen Freundin in Paris (brillant: Audrey Tautou), einer verheirateten Frau und den Lektionen einer lesbischen Kommilitonin zu tun bekommt.
Am Ende fügt sich die leichte Inszenierung zum großen Bild: In der Gratwanderung zwischen innen und außen, zwischen französischem Charme und einer Vision, die weit über Frankreich hinausreicht, spiegeln sich Schwierigkeit und Chance des europäischen Experiments. Die Gründerväter wären stolz.
Bernd Haasis
13.11.2003 - aktualisiert: 13.11.2003 12:18 Uhr