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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 04.12.2003

Lilja 4-ever

Lichtstreifen am Horizont

Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
 

Die 16-jährige Lilja (Oksana Akinshina) ist sich selbst überlassen. Ihre Mutter hat sich mit ihrem neuen Freund nach Amerika abgesetzt, um in diesem fernen Paradies ein neues Leben anzufangen. Sie hatte versprochen, sie nachzuholen.

Der Schock ist groß, als Lilja über das Sozialamt erfährt, dass ihre Mutter keineswegs vorhatte, ihr Versprechen einzulösen. Im Gegenteil: Sie hat Lilja zur Adoption freigegeben. Geld hat sie keines, sie haust in einem versifften Loch. Als sie von ihrer besten Freundin auch noch angeschwärzt wird, sie würde als Prostituierte arbeiten, verliert sie ihre sozialen Kontakte und damit ihren Halt in der Gesellschaft. Als einziger Freund bleibt ihr der kleine Volodja (Artyom Bogucharski), der von seinem alkoholabhängigen und gewalttätigen Vater immer wieder aus dem Haus geprügelt wird. Beide sind Ausgestoßene, Ungewollte.

Einen Ausweg aus ihrer desolaten Situation scheint es nicht zu geben. Als Lilja Andrej trifft und er ihr anbietet, sie könne mit ihm nach Schweden kommen und er würde eine Arbeit für sie finden, verliebt sie sich in ihn nicht nur Hals über Kopf, sondern sie greift nach der Gelegenheit wie eine Ertrinkende nach dem Strohhalm - ein furchtbarer Irrtum.

Lukas Moodysson hat sich bislang aufs komödiantische Genre konzentriert ("Fucking Amal", "Together"). Mit "Lilja 4-ever" zeigt er, dass er auch die Kunstgriffe der Tragödie meisterhaft beherrscht. Seine jungen Darsteller spielen beeindruckend und mitreißend. Aber auch das Drehbuch, für das der Regisseur verantwortlich zeichnet, überzeugt.

Moodysson ist kein Meister der großen Worte, er zeigt mit wenig viel. Inmitten öder Landschaften und der Tristesse von Plattenbauten sind Mimik und Gestik beredt und werden außerdem von einer Kamera mit bestechend scharfem Blick fürs Detail und einem Sinn für eindringliche Bilder eingefangen - all das untermalt mit der sehr passenden Musik beispielsweise von Till Lindemann. So geht der Zuschauer machtlos den Weg der Kinder nach: durch Einsamkeit und Verzweiflung, unaufhaltsam.

Der Film ist schmerzhaft, aber nicht ohne Hoffnung, und er zeigt bittere Realität ohne Kitsch und Klischees. Sicher kein leichter Stoff, den Moodysson in die Kinos gebracht hat.
 

Eva Maria Schlosser

04.12.2003 - aktualisiert: 04.12.2003 10:55 Uhr

 


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