Suche nach Kinofilmen
 
 



Kino-Termine

Dieser Film läuft in folgenden Kinos

 

 

Vorschau ]

zurück


Drucken Versenden
Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 24.12.2003

Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Wenn Mozart sich nach Mao sehnt

Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
 

"Der Wilde hat Empfindungen. Der Zivilisierte hat Empfindungen und Ideen", steht bei Balzac. Ideen sind Macht - das wissen die Mächtigen, und so sind ihnen die Ideenlosen die liebsten Untertanen. "Wer lacht, hat keine Angst mehr, und wer keine Angst mehr hat, der verliert den Respekt vor Gott", sagt der alte Mönch Jorge in "Der Name der Rose", ehe er der Poetik zweiten Teil von Aristoteles, der von der Komödie handelt, den Flammen übergibt.

So präzise Umberto Eco die Machterhaltungsstrategie der Katholischen Kirche im europäischen Mittelalter beschreibt, so anschaulich widmet sich der chinesische Autor Dai Sijie den Repressalien nach der Machtübernahme Mao Tse-tungs. Wie den bücherverbrennenden Nazis fiel auch dem Großen Vorsitzenden kaum mehr ein als ein striktes Literaturverbot, um die Menschen von großen Ideen, wie etwa jener von der Freiheit, fern zu halten.

Sijie hat die Härten der "Kulturrevolution" am eigenen Leib erfahren. Als Sohn einer Arztfamilie wurde er 1971 zur "Umerziehung" in die Berge geschickt. Harte Knochenarbeit auf den Feldern und in den Minen sollte seine Herkunft egalisieren, er sollte lernen, was wirklich zählt im Leben: Fürs Vaterland aufzugehen in der Masse.

Der Autor, der nicht der Einzige ist, bei dem diese Strategie nicht funktionierte, hat daraus einen autobiografischen Roman gemacht und diesen nun selbst verfilmt. Stellvertretend für seine eigene erzählt er die Geschichte von Luo und Ma, die nur wenig mitnehmen können, als man sie aus der Zivilisation herausreißt. Den Rest nimmt ihnen die illiterate Bergbevölkerung, Luos Kochbuch mit Lieblingsrezepten seiner Mutter wird verbrannt. Den Wecker lässt ihm der bauernschlaue Dorfvorsteher - er erkennt darin ein Disziplinierungsinstrument.

Mas Violine können die beiden nur retten, weil der Parteidiener Mozart nicht kennt, ihm die Musik aber gefällt und Luo ihm erklärt, das Stück heiße "Mozart sehnt sich immer nach dem Großen Vorsitzenden Mao". Da wird Politik ganz menschlich, verliert die Revolution ihren Schrecken, macht das Tragische schmunzeln.

Sijie enthält sich aller Bitterkeit, erzählt mit federleichter Ironie, lässt die unverbrauchten Gesichter seiner jungen Darsteller sprechen und die Magie der still herrschenden Berglandschaft, die nur über unzählige Treppen zu erreichen ist. Liebevoll sind seine Karikaturen, und der Dorfvorsteher büßt für manches, als nur noch Luo, dessen Vater Zahnarzt ist, seine Zahnschmerzen lindern kann.

Inmitten der geistigen Wüste naht Rettung, als den beiden Heranwachsenden ein Koffer voller ausländischer Bücher in die Hände fällt. "Geist und Schönheit sind so selten vereint", lesen sie bei Balzac, und der Satz bedeutet für sie Zauber und Verhängnis zugleich. Beide sind in die Enkelin des Schneiders verliebt, doch als sie der anmutigen Analphabetin aus "Madame Bovary" und anderen Werken vorlesen, öffnet sich ihr Geist, und schon bald verlieren sie sie an ein selbstbestimmtes Leben in der Stadt.

Anders als im Roman kommt Sijie im Film in der Gegenwart an. Ma ist nun Violinist und lebt, wie der Autor selbst, im französischen Exil. Als er die chinesischen Berge Jahre später wieder besucht, hat der Ort seine Magie eingebüßt. Die Menschen tragen westliche Kleidung, haben ihre Häuser mit westlichem Mobiliar voll gestopft, schauen Satellitenfernsehen.

Und das Geisterfest, bei dem sie auf einem Seitenarm des Jangtse hunderte kleiner Boote mit Kerzen zu Wasser lassen, feiern sie zum letzten Mal - der große Staudamm ist gebaut, die Wasser des Flusses werden die Bergtäler unter sich begraben wie Maos Kulturrevolution die jahrtausendealte Geisteskultur Chinas.

Hier gibt der Regisseur für einen Moment preis, wie tief sein Schmerz über den Verlust der Heimat und ihrer Tradition sein muss. Immerhin hat ihm die Parteiführung in Peking gestattet, in China zu drehen. Wirklich große Ideen, wie etwa jene von der Freiheit, machen eben auch vor den Zentren der Macht nicht Halt.
 

Bernd Haasis

24.12.2003 - aktualisiert: 24.12.2003 10:32 Uhr

 


Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise