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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 08.01.2004

Lost In Translation

Verlorene Seelen in Tokio

Filmkritik der Stuttgarter Zeitung
 

Japan mutet uns fremd an, nicht nur wegen seiner sehr eigenen Tradition, sondern auch wegen deren eigenartiger Verquickung mit dem Kapitalismus und den Gepflogenheiten des Westens. Im hektischen Chaos von Tokio erleben viele Europäer und Amerikaner eine tiefe Entfremdung.

Selbige hat Francis Ford Coppolas Tochter Sofia festgehalten. Der alternde Star Bob Harris lebt von Whiskey-Reklame. Er dreht in Tokio Spots, die ihm nichts abverlangen, und verbringt die Abende sprachlos in der Hotelbar. Dort begegnet er der Kindfrau Charlotte, die ihren Freund nach Japan begleitet hat. Während dieser arbeitet, versinkt sie in der Leere des Hotels im adoleszenten Grübeln über ihre Bestimmung.

Coppola lässt den verlorenen Seelen Zeit, zueinander zu finden. Vorsichtig erforschen sie, was sie verbindet, und pflegen das Gefundene behutsam, anstatt sich einer in der Luft liegenden Amour fou hinzugeben. So gelingt es der Regisseurin, aus der zarten Scarlett Johannsson (19, "Der Pferdeflüsterer") und dem zerknautschten Bill Murray (53, "Und täglich grüßt das Murmeltier") ein unmögliches Traumpaar zu machen.

Murray, der immer dann am besten ist, wenn er nicht komisch sein muss, es aber darf, spielt vielleicht die Rolle seines Lebens - allzu oft hat man schon gesehen, wie er in Klamauk-Filmen neben sich stand. Johansson wirkt für ihr Alter erstaunlich reif und ernsthaft, obwohl Coppola die erotischen Reize ihrer Kindfrau bewusst und manchmal allzu gewollt in Szene setzt.

Auch bei den Japan-Klischees (die Leute sagen "l" statt "r", der Werberegisseur brüllt wie ein Karateka) und dem Abfilmen touristischer Postkartenmotive (buddhistische Tempel und traditionelle Kostüme) balanciert die Regisseurin auf schmalem Grat: Sie blickt nicht hinter die Stereotypen, sondern belässt es dabei, sie als Teil eines unlösbaren Rätsels vorzuführen.

Was ihren Film gerettet hat, ist ihr Mut zum Innehalten: Beharrliche Einstellungen in stillen Hotelzimmern geben ihren Darstellern die Möglichkeit, ihre Figuren zum Funkeln zu bringen.
 

Bernd Haasis

08.01.2004 - aktualisiert: 08.01.2004 09:49 Uhr

 


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